brüchigkeiten

manchmal

wenn ich ganz tief

einatme

kann ich scharfkantige

ränder

spüren

fahre langsam mit den fingerspitzen meines fühlens darüber

der impuls so stark die fühler zurück zu ziehen

angst ist spürbar

als hätten sich die tausenden momente dort angesammelt

in denen wir die brüchigkeit des lebendigsein erfahren haben

scharf sind die kanten

und angst machend

Advertisements

nicht allein

Himmel_NordenGerade haben wir Worte auf einem Blog gefunden, wie wir sie in uns haben die letzten Tage nicht finden können. Letztes Wochenende waren wir auf einem Kongress. Von und für Viele-Menschen. Vielleicht ist dies nicht ganz richtig. Der Kongress wendete sich an Menschen, die Gewalt und Handeln erfahren haben, das auch zur Folge hatte, das wir_sie Viele geworden sind. Unsere eigenen Worte sind still zur Zeit, deswegen teilen wir den Link zum Blog von „Geteilte Ansichten“, danke euch für euer Worte finden: https://geteilteansichten.wordpress.com/andere-kinder/

 

 

wenn gewalt keinen halt erfährt

Ich möchte dich bitten zu überlegen, ob dies für dich der richtige Moment ist, einen Blogartikel über die Zerstörungskraft von Gewalt zu lesen.

 

gewalt ist niemals auf ihren ersten moment, in dem sie beginnt, beschränkt. sie stört so lang das lebendig sein, bis sie wirklich angehalten werden kann. auch und vielleicht besonders im inneren erleben des menschen, der die gewalt erfahren hat. soviel schrecken, noch dazu, wenn sie am ende so zerstörend wirkt, dass das lebendige unterlegen ist. das ist der schrecken von gewalt für mich.

heute morgen habe ich beim frühstücken nachrichten im netz gelesen. ein alltagsmoment, in ruhe trotz vieler auf und abs der letzten tage.

dann lese ich: Susanne Preusker hat sich das leben genommen. für die, die sich nicht kennen: https://www.susanne-preusker.de/

es gibt u.a. zwei bücher von ihr: „Sieben Tage im April“ und „Wenn das Glück mit dem Schwanz wedelt“.

„Sieben Tage im April“ liegt neben wenigen anderen auf einem kleinen stabel der wichtigen bücher, begleiter an vielen tagen und in manchen nächten. Als ich ihr buch das erste mal gelesen habe, war es herausfordernd für mich, darstellung eines gewalterlebens und ihrer bewältigungsversuche dessen. als ich es das erste mal weggelegt habe, fühlte ich mich verbunden, mit dieser frau, die ich nicht kannte, ihren worten, die mich berührt haben, nachdenken lassen , mitfühlen..mit ihr und mit mir. Ihr buch_ihre worte.. haben mir geholfen einen zugang zur verletzbarkeit zu finden. ihrer wie meiner. manches mal, wenn ich sehr an mir gezweifelt habe, habe ich das buch nochmal gelesen oder zeilen davon oder es bei mir getragen wie einen schatz, etwas das mich stärkt und weiter gehen lässt. Um sie zu wissen war ist mir wichtig, sie gehört zu meinen heldinnen, ein vielleicht seltsames wort in diesem kontext, sie hat mir den sinn des hoffens vermittelt.

„Wenn das Glück mit dem Schwanz“ wedelt habe ich mit skepsis begonnen zu lesen und voller freude nach der letzten zeile sonntagsabends erst weggelegt. immer wenn ich zweifel daran hatte, ob ich meiner hündin gerecht werde, alles tue, was sie braucht für ihr hundeglück ist mir wieder eingefallen, das es um freundschaft geht, das die hundenase, die über den rand ihres lieblingschlafplatzes zu sehen ist, die fellige nase einer freundin ist.

heute vom suizid von Susanne Preusker zu lesen erschüttert mich zutiefst.

ich weis aus eigener erfahrung, welche innere auseinandersetzungen einer solchen entscheidung vorausgehen. es macht mich traurig zu lesen, das dieses leben nicht wieder lebendig werden konnte und die gewalt erst mit diesem moment so geendet ist.

 

von da nach dort

posteo.deZwischen hastigem Schuhgetrappel und hektischen Bahnhofsgeräuschen hört man seine Stimme, wie er die zusammengesackte Person neben sich immer wieder auffordert, sich nicht hinzulegen. Er ruft ihren Namen und es klingt resigniert und besorgt gleichzeitig. Ich warte auf dem Treppenabsatz, schaue, ob irgend jemand anderes noch bei den beiden stehen bleiben würde. Ich kann nicht weiter gehen. Ich dreh um, lauf auf die beiden Gestalten zu. Er sieht aus wie so viele, die in der Ubahn Zeitungen verkaufen. Und sie. Basecape, zwei Kapuzenshirts übereinander, Jeans. Sie sieht aus wie ich. Damals. Mein nachfragen ergibt, die beiden kennen sich flüchtig von der Platte. Sie ist stark alkoholisiert, atmet kaum und kann mit ihren Krücken nicht mehr weiter. Er wiederholt immer wieder: „Ich kann sie hier doch nicht liegen lassen. Sie braucht doch endlich Hilfe.“ Der RTW sei angerufen, aber komme einfach nicht. Ich rufe nochmal an und biete an, mit ihm zu warten. Weiterlesen

klebereis und mango

kein kochrezept, sondern gedanken über familienbande und abschied nehmen

 

ich schneide mango in streifen und rühre die kokoscreme in ihrem topf. die mikrowelle erweist sich als hervorragender dampfgarer für klebereis. wie die saftigen mangostücken fällt in kleinen brocken ein teil der anspannung der letzten tage endlich von mir ab. gedanken wandern von pauline-s avocadoartikel hin zur mango, der avocado aus dem obstregal, streifen kurz dieses bittersüße traurige brennen irgendwo im innen..mehr halten, aushalten geht nicht. der rücken ist in den generalstreik getreten in den letzten tagen, die orthopädin warnt, die tüte mit den paar einkäufen aus dem asiasupermarkt vorhin schien schon viel zu schwer. wie dann den rucksack im sommer beim wandern tragen oder den abschied, der nun angefangen hat oder die gedanken, die nirgends enden wollen oder den brief der halben schwester. von jener, mit der es keine gemeinsamen kindheitserinnerungen gibt. weswegen es doch leichter sein sollte mit dem kontakt. immerhin, blutsverwandt und unbelastet. aber das reicht nicht, auch im diesen letzten jahr hat es nur für einige digitale grüße gereicht, kein besuch, obwohl so nah. zumindest räumlich.

abschiede. ich mag keine abschiede mehr. das ende der cd erzeugt plötzliche stille.

inzwischen sitze ich am küchentisch, tippe, esse klebereis. die lautsprecher krächtzen im tackt von tom jones.

abschiede.

wieso setzen sich eigentlich immer die miesen gedanken irgendwo fest.

abschied. wovon eigentlich? der abschied von der therapeutin wird nun endgültig. aber da ist noch was ganz anderes. die mutter. ok. schreiben wir diesen gedankensprung mal den resten der gerade erst vergangenen tage zu.

aber die gedanken bleiben, der manchmal-blick ins internet, Weiterlesen

Transkript einer Anhörung

(Dieser Hinweis sollte eigentlich erst in ein paar Tagen erscheinen. Um auf das Transkript zu verweisen. Das schon online ist. Schon gelesen wurde. Auf das es schon Rückmeldungen gab.)

Ich habe mich entschlossen, das Transkript meiner Anhörung im Rahmen der Aufarbeitungskomission in einer nicht öffentlichen Befragung durch zwei Anwältinnen hier zu veröffentlichen. Warum ich mich entschlossen habe, vor der Aufarbeitungskomission auszusagen, kannst du hier lesen. Es wurden Fragen gestellt, die vielleicht auch andere haben und Antworten gegeben, die so sonst nirgens aufgeschrieben sind. Es ist ein Teil meiner Erfahrungen und es eine Geschichte unter vielen. Ich weis, nicht wer du bist und warum du dich dafür interessierst, das Transkript zu lesen. Falls du selbst Gewalterfahrungen hast, achte bitte beim lesen auf dich.

Hier kannst du das gesamte Transkript lesen: Transkript einer Anhörung

deine tochter sein

mitunter laufe ich an einem fenster oder einer ähnlich spiegelnden fläche vorbei_sehe dort eine silhuoette über die spiegelnde fläche gleiten. eher weibliche körperumrisse. irgendwas an der art sich zu bewegen scheint vertraut. die umrisse dennoch fremd.

heute sah ich_noch etwas anderes. etwas durchaus vertrautes. einen moment lang spiegelte sich dort meine mutter. manchmal sehe ich auch meine beine an oder meine handoberseite und sehe ähnliches. sehe die umrisse und formen und hautstruktur meiner mutter. heute bin ich kurz stehengeblieben, starrte das spiegelbild an und dich, die mir daraus entgegen sah. die tochter meiner mutter zu sein ist nichts, Weiterlesen

Selbst – Definition

(dieser Artikel ist eigentlich schon 2 Monate alt)

 

Das Internet spült einen Link in mein Digitalfenster. Ich lese, speichere ab, leite weiter.

Dann geht der Alltag weiter, Stress im Job, Hund hinkt, Grünpflanzen brauchen Wasser, all das was Alltag halt so macht. Jener Link wird noch zweimal, dreimal durch mein Digitales Leben gespült. Taucht auf und wieder ab.  Dann ein Telefonat mit Freunden. Ich höre aus meinem eigenen Mund ein selbstbewusstes, wir nutzen diesen Link um es öffentlich zu sagen. Um vor uns Selbst und jenen die es lesen dazu zu stehen. Wozu eigentlich? Ich räume die Küche auf, schau Hochrechnungen der Wahl, kraule den Hundebauch. Im Link geht es um rituelle Gewalt. DAS betrifft mich_uns doch gar nicht.

Eigentlich sollte ich schlafen. Dennoch Rechner wieder an. Nochmal lese ich, was die Webseite zur Studie erklärt. Öffne einen weiteren Link. Lese Definitionen. Es ist ein ganz leiser Moment. Ich weis, das es der Moment ist, in dem ich etwas für mich ..uns, definiere: so vieles von dem, was wir inzwischen wissen von Kontexten zu Flashbacks, Täterstrukturen und xxxxx, findet sich wieder in fast jeder der hier aufgeführten Definitionen. Mein Selbst streift sich diese Definitionen über und bildet eine neue Hautschicht daraus. Eine Selbst – Definition, die eure Taten von meinem Sein loslösen, weil sie die Taten anderer beschreibt und benennt.

Vielleicht mag Manchem beim lesen sich die Tragweite dieser Selbst – Definition nicht ganz erschließen. Aber für mich_uns ist das ein wichtiger Moment.

 

 

23 km

Gestern auf dem Weg von A nach B zu Freunden, eine längere Fahrt. Zwischenstopp mit Frau Hund, Spaziergang in einer Umgebung, die sich gut anfühlt. Sonnenlicht spielt mit den letzten Blättern an Obstbäumen. Wie schön nach den letzten Tagen. Zurück zur Autobahn. an einer Kreuzung Versuch der Orientierung und da steht es: 23 km bis XXX. XXX – der Ort wo wir_ich geboren wurden. Unerwartet so nah an diesem Ort zu sein Weiterlesen

Selbst_Verlust

es macht mir angst, das ich wahrnehme, wie Überforderung und Erschöpfung im Umgang mit immer wieder kehrenden alten, aber dennoch sehr wirkungsvollen Triggern und konditionierten Re-aktionen mich Kraft kosten. mehr als ich gerade habe. wie ich nach Wörtern suche, nach zuhören und Hilfe. weil ich mich selbst befremdet beobachte, wie ich aus dem innen heraus dazu gedrängt werde, hastig eigentlich vertraute Orte zu verlassen, Menschen-die plötzlich fremd erscheinen, eigene Worte so falsch.

ich werde stumm und habe Angst. das dieses Mal es mir nicht gelingen könnte, immerhin die funktionale Außenfassade aufrecht zu erhalten. die nicht nur euch, sondern vor allem mir selbst wie ein Leuchtturm versichert, hier ist die Normalität. rettendes Ufer der HEUTE-Zeit. ich verstehe all eure Hinweise, das es sich bei diesen angetriggerten_gehetzten Impulsen aus dem Innen um alte Botschaften, Konditionierungen, programmartig erlernte Verhaltensweisen handelt.

aber ich sitze jetzt gerade_in meinem HEUTE mit einem sich ausbreitenden Isolationsgefühl an meinem Schreibtisch, bemerke die Abwehr gegen alles von außen, habe steife Finger beim Versuch, einen Blogartikel durch das Nadelör der Sprechverbote zu quetschen.

 

_ist es?

Ist es sinnvoll, werde ich manchmal gefragt, dich mit all dem immer wieder zu beschäftigen? Manchmal überhöre ich diese Frage einfach. Manchmal frage ich auch: Wie meinst du das?

(der folgende Text beschreibt Selbstwahrnehmungen von Gewaltfolgen und kann triggern)

 

Meist kommt es ganz von selbst. Vorgestern zum Beispiel. Irgendwann merke ich beim laufen dieses blöde Gefühl zwischen den Beinen. Da, wo alles ok scheint. (vorsichtshalber schaue ich an meinen Beinen herunter. sehe aber nur den blauen Stoff meiner Jeans. gut zu wissen, das andere es nicht sehen können) Es schmerzt richtig beim laufen und irritiert. Gedanken zu dem „Was fühlt sich denn _so an?!“  drängen sich auf___ein Stock zwischen den Beinen___als wäre es ganz wund. Hattest du Sex letzte Nacht. (nein hatte ich auf keinen Fall) Ich muss zur Arbeit und mit jedem Schritt wird das Gefühl intensiver. aufdringlicher. schmerzhafter. Der Wunsch groß, umkehren, zu Haus unter irgendetwas verstecken, damit es keiner sieht. Damit keiner sieht, wie sich Bilder an die Empfindungen heften. Ekel den Hals heraufsteigt. Ein beißender Geruch. _all das verbindet sich mit dem aufwachen heut morgen. Lange bevor der Wecker geklingelt hätte. Wie sooft in letzter Zeit. Beine gespreizt und erstarrt in dieser Haltung. (mühsam versuche ich dann einen kleinen Finger, die Augen, irgendwas wieder bewegen zu können. um nach und nach auch den Rest des Körpers wieder unter Kontrolle zu bringen und irgendwann die Beine fest aneinander zu drücken)

Ich merke, das ich den Mann in der Bahn mir gegenüber anstarre. Aber der hat mit den Bildern in meinem Inneren nichts zu tun. Auch nicht mit dem Gefühl zwischen meinen Beinen. Auch nicht mit dem Geruch, der in meiner Nase beißt. Inzwischen möchte ich damit nicht mehr allein sein. Den Arbeitstag nur durchstehen. Funktionsmodus ist der Zustand der nächsten 8 Stunden. Auf der Rückfahrt ist alles eher taub. Der Körper, das Denken. Auch gut. ich fühle ES nicht mehr. Und morgen ist ein neuer Tag. und vielleicht werde ich erst vom Wecker klingeln wach. und nicht vorher.

Wie ist das, wenn du dich damit immer wieder auseinandersetzen musst. Weil es sich nicht einfach vergessen lässt. Wie findest du einen Sinn für dich darin? Wie geht es dir damit? Wie ist es für dich? Frag mich doch einfach so was beim nächsten mal.

 

Es war einmal..und es ist.

Eine Erzählung (lateinisch narratio) ist eine Form der Darstellung. Man versteht darunter die Wiedergabe eines Geschehens in mündlicher oder schriftlicher Form. Sowohl den Vorgang des Erzählens, als auch dessen Ergebnis, eine Geschichte im Sinne des englischen Begriffs story, nennt man Narration. (..)Die Gesamtheit jener merkmalbildenden Eigenschaften, die den Akt des Erzählens als Erzählen kennzeichnen, wird Narrativität genannt (..) Sie besteht einerseits darin, dass Geschehnisse in einen mehr oder weniger bewertenden Bezug zu Zeit und Raum gesetzt werden oder diesen zeiträumlichen Rahmen überhaupt erst erzeugen (..), und andererseits darin, dass im Akt des Erzählens die Art und Weise des Erzählens sinnkonstitutiv ist für den Inhalt der Erzählung. (..) Eine Minimaldefinition von Erzählung ist: Jemand erzählt jemand anderem, dass etwas geschehen ist. (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Erzählung)

Es gibt in uns in so vielen Ritzen und Spalten und unbekannten Räumen, Bruchstücke dessen, was erzählt werden soll. Manches in uns Weiterlesen

Wer sind eigentlich die Monster?

Weist du, ich bin so, na, wie erklär ich dir das..also.. ach ja: kennst du diese Psychothriller, wo am Ende der Mörder ganz viele Persönlichkeiten hat und deswegen einen ziemlich gruseligen Serienkiller abgibt? Äh, ach so. Du meinst dieses Jakyll und Hyde Ding. Jaja, klar kenn ich.

Gerade wieder kommt ein solcher Film ins Kino. Naja, im Kino ist es so offen ausgesprochen das erste Mal: Split: Horror-Thriller über einen unberechenbaren Entführer mit multiplen Persönlichkeiten.. Wie wunderbar, meine Traumafolgestörung ist spannend genug, um für einen Horrorfilm her zuhalten. Ich nutze also ein allgemein gern genutztes Medium namens Google um mich weiter über den Film zu informieren:

Das Leben von drei Mädchen wird zum grauenvollen Alptraum, als sie von einem unheimlichen Mann brutal gekidnappt und verschleppt werden. Der Entführer entpuppt sich als gefährlicher Psychotiker mit multipler Persönlichkeitsstörung. 23 verschiedene Wesen lauern im Innern des Wahnsinnigen, bestimmen wechselweise sein Verhalten und sorgen mit Psychoterror für blankes Entsetzen unter den geschockten Teenagern. Während die hilflosen Mädchen verzweifelt nach einer Möglichkeit zur Flucht aus ihrem düsteren Verlies suchen, ringt der schaurige Besessene mit seinen inneren Dämonen – bis eine Grauen erregende Inkarnation des Bösen vollständig Besitz von ihm ergreift, die sich „die Bestie“ nennt…

Und bei einem mittlerweile als wissenschaftlich anerkannten Onlinelexikon wird es noch etwas ausführlicher:

Das Leben der drei Mädchen Casey, Clare und Marcia wird zum Alptraum, als sie von einem unheimlichen Mann gekidnappt und verschleppt werden. Der Entführer – Kevin Wendell Crumb – entpuppt sich als Person mit multipler Persönlichkeitsstörung. Er beherbergt 23 verschiedene Persönlichkeiten in sich, die wechselweise sein Verhalten bestimmen. Seine Therapeutin Dr. Karen Fletcher ist davon überzeugt, dass bei Menschen mit dieser Störung auch körperliche Veränderungen mit dem Persönlichkeitswechsel möglich sind. Sie erhält von einigen der Persönlichkeiten E-Mail-Nachrichten, in denen diese jeweils um Hilfe bitten. Während die Mädchen nach einer Möglichkeit zur Flucht aus ihrem Verlies suchen, ringen im Inneren von Kevin – teilweise verstanden Dr. Fletcher – verschiedene der Persönlichkeiten um die Kontrolle. Als Dr. Fletcher in Kevins Wohnung eines der entführten Mädchen findet, übernimmt eine Grauen erregende 24. Inkarnation, die überlegene körperliche Fähigkeiten besitzt und sich die Bestie nennt, zeitweise die Kontrolle. Die Bestie tötet Dr. Fletcher, Clare und Marcia, verschont aber Casey, als sie deren von ihrem Onkel verursachten Narben am gesamten Körper sieht, und flüchtet; Casey wird entdeckt und gerettet.

Mich regt das auf und macht wütend. Warum in aller Welt brauchen Menschen Mord und Totschlag um sich am Abend gut unterhalten einer Tüte Popcorn zu widmen? Aber gut, was immer dem zu Grunde liegt. Aber wieso sind die mit dem vielen Persönlichkeiten die Monster? Wieso muss die Folge von komplexen, schwersten, durch Menschen verursachten Gewalterfahrungen als Grundlage zur Abendunterhaltung herhalten? Gibt es keinerlei ethische Bedenken, Menschen als Monster darzustellen, die vielfach schon Opfer menschlicher Dummheit und grenzenlosen Gewalt gewesen sind? Wie viele  Kinobesucher werden nach diesem Film Angst haben vor diesen Multiplen, deren Dämonen sie zu Serienkillern werden lassen? Wie viele Menschen werden mitempfinden, hinterfragen und wissen wollen, was tatsächlich Menschen geschehen ist, an realer Gewalt, das eine Dissoziative Identität entstehen lässt? Wie viele Menschen werden sich selbst für die Monster halten,   zu denen sie ihre Täter schon erklärt haben? Gerade der letzte Punkt macht mich am meisten wütend: Dieser Film macht Täterlügen zu einem abendfüllenden Unterhaltungsprogramm und spielt dabei verklärend romantisch mit den Narben, die reale Gewalt hinterlässt.

Warum ich mich entschlossen habe, vor der Aufarbeitungskomission auszusagen

Ich nehme für mich in Anspruch, gehört und gesehen zu werden.

Ich empfinde die benannten Ziele der Komission als plakativ, auch als zu selbstverständlich um schon wieder Inhalt einer Kamagne zu sein, und als  traurig, weil sie vom Zustand des gesellschaftlichen Umgangs mit sexualisierter Gewalt zeugen.
Ich glaube nicht daran, das es zu einer tatsächlichen Aufarbeitung kommt. Das wirkliche Hilfen wie angemessene, fachlich fundierte Traumatherapie, rechtliche Änderungen was Verjährungsfristen oder OEG – Verfahren betrifft oder die Berücksichtigung von innerfamilären Tätern im sozialen Leistungsrecht trotz Subsidaritätsprinzip endlich Einzug halten.

Ich habe mich gegen eine öffentliche Anhörung entschieden, da ich Stigmatisierung, Verurteilung und Bewertung meiner Person befürchte und nicht bereit bin, mich diesem bewusst auszusetzen. Außerdem lebe ich aus Schutz und Sicherheitsgründen immer noch, soweit möglich, anonym.

Ich bin es leid, mich der Definitionsgewalt und Rollenmacht eines sozialen und helfenden Umfelds auszusetzen. Ich möchte nicht mehr um etwas bitten, das selbstverständlich sein sollte. Es tut mir nicht (mehr) leid, das meine Geschichte schwer anzuhören, auszuhalten oder zu glauben ist. Ich fordere ein, das mir achtsam, respektvoll und würdig begegnet wird.

Der Begriff Opfer stellt in seiner Definition eine der Gewalt von etwas oder jemandem ausgelieferte und unterlegene Person dar. Ich empfinde, das die Benutzung dieses Begriffes als Bezeichnung mir diese Rolle zuweist und meine Situation als unterlegen definiert. Dieser Begriff bezeugt aber nicht die Verletzung meiner menschlichen Würde, körperlichen Unversehrtheit und sexuellen Selbstbestimmung. Ich empfinde diesen Begriff als gesellschaftliche Ausgrenzung. Gleiches gilt für das Wort Betroffene. Ich fordere, das anstatt auf mich als Opfer zu zeigen, endlich die Täter in den Mittelpunkt gestellt und aus den Nischen ihrer Verstecke vertrieben werden.

Meine Geschichte und Person ist weder besonders noch einmalig. Ich bin eine von Vielen. Während ich diesen Blogbeitrag schreibe, erfahren andere gleiche und andere Formen sexualisierter Gewalt.

Nachtrag November 2016:

Ich habe am 08.09.2016 folgende Mail erhalten:

AUFARBEITUNGSKOMMISSION Online-Anmeldung
Vielen Dank für Interesse, an einer Anhörung der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs teilzunehmen.

Gern bestätigen wir Ihnen den Eingang Ihrer Nachricht und bitten Sie noch um etwas Geduld.

Wir werden uns in den nächsten Wochen mit Ihnen in Verbindung setzen, um mit Ihnen das weitere Vorgehen zu besprechen.

Mit freundlichen Grüßen
das Büro der Kommission

(Fortsetzung folgt)

 

Januar 2017

Anfang Januar habe ich eine Mail bekommen mit Ansprechpersonen, Ablaufplan und einem Terminvorschlag im Februar für die Anhörung. Die Anhörung wird von zwei Anwältinnen durchgeführt werden und es sind etwa 2 Stunden eingeplant. Nun bereite ich mich auf das Gespräch vor.

Hier der Ablaufplan. Außerdem ist es möglich, sich von einer Vertrauensperson oder Mitarbeiterin einer Beratungsstelle begleiten zu lassen.

Ablauf der Anhörung

Wir wollen Sie darüber informieren, wie wir die Anhörung mit Ihnen vorbereitet haben. Ganz

wichtig: Es wird keinen festen Ablaufplan geben, dem wir folgen müssen. Jede Anhörung wird so individuell wie Ihre Geschichte sein. Wir möchten Ihnen unsere Überlegungen vorstellen, damit Sie wissen, was Sie erwartet.Für Ihre Anhörung haben wir etwa zwei Stunden eingeplant. Die Anhörung wird mit einer kurzen persönlichen Vorstellung beginnen. Wir werden Sie, falls Sie die Einverständniserklärung zum Datenschutz noch nicht unterschrieben haben, zudem über die datenschutzrechtlichen Bestimmungen informieren. Im ersten Teil des Gesprächs berichten Sie frei, was Sie uns erzählen wollen. Sie erzählen und wir hören zu. Bitte nehmen Sie sich die Zeit dazu, die Sie brauchen. Im zweiten Teil des Gesprächs werden wir eventuell Nachfragen stellen, um Ihre Geschichte besser zu verstehen. Die Fragen werden wir natürlich nur stellen, falls Sie uns zu den jeweiligen Themen nicht schon berichtet haben. Mögliche Fragen, die für die Aufarbeitung wichtig sind, werden in erster Linie sein:

1. Was hat Sie bewogen, sich zur Anhörung anzumelden und über den sexuellen Missbrauch, den Sie erlebt haben, zu berichten?

2. Bitte erzählen Sie uns von den erlebten Übergriffen.

3. Wie kam es dazu, dass der Missbrauch aufgehört hat?

4. Wem und wann haben Sie zum ersten Mal über den sexuellen Missbrauch

berichtet?

5. Wie waren die Reaktionen, als Sie über den Missbrauch gesprochen haben?

6. Haben Sie Hilfe und Unterstützung gesucht und haben Sie sie bekommen?

7. Welche Erfahrungen haben Sie mit zuständigen Behörden und

Unterstützungseinrichtungen gemacht?

8. Welche Folgen hatte der Missbrauch für Sie?

9. Spielt der sexuelle Missbrauch heute noch eine Rolle in Ihrem Leben?

Zum Abschluss würden wir gern von Ihnen wissen, was Ihrer Ansicht nach Politik und Gesellschaft gegen sexuellen Kindesmissbrauch tun sollten.

Sie müssen die genannten Fragen aber nicht beantworten, wenn Sie nicht wollen. Sie entscheiden, was Sie uns berichten wollen. Sie können auch jederzeit eine Pause machen oder auch die Anhörung ganz abbrechen.

 

Initiative Phönix Bundesnetzwerk für angemessene Psychotherapie e.V.

https://www.aufarbeitungskommission.de/

Online-Umfrage zu Erwartungen an die Komission

Traumakiste

 

Im letzten Podcast (Episode 19)  habe ich eingeladen, ein Bild seiner Traumakiste an einem Ort zu zeigen, wo sie gut aufgehoben ist. Nun ist auf dem Foto zwar nicht die „Kiste“ als solche zu sehen, aber für mich bzw. uns wäre das ein guter Ort dafür. Die Kiste selbst hat eh keine wirklich definiere Form und mitunter wabert es aus ihr heraus oder quillt über. Weiterlesen

federleicht

manchmal
stelle ich mir vor
meine arme auszubreiten wie schwingen

mich in einen Luftstrom gleiten lassen
voller vertrauen
darauf
von meinen eigenen flügeln getragen zu werden

fühle mich heute kantig und viel zu groß und unförmig und schwerfällig und als würde ich quer stehen zum rest der welt
irgendwie nicht hineinpassen

Die Gedanken sind frei

Seit einiger Zeit dringt dieses Lied immer wieder aus dem Fernseher als Teil eines Werbespots, lässt die Melodie die Erinnerungen wieder wach werden. 1991, eine Psychiatrie in Ostdeutschland, wachs getränktes Linoleum, das vermutlich schon grau war, als es auf dem langen Flur verlegt wurde. Tür an Tür an Tür, dahinter Zimmer mit zwei, vier, fünf Betten, an manchen baumeln die Manschetten der Fixiergurte. Der Ausblick durch die Fenster wird von Gittern zerteilt. Zum rauchen geht’s entweder durch die immer verschlossene Tür. Zumindest bis zum Treppenabsatz, Schuhe bekommen aber nur die, die nicht versucht haben, weg zu laufen. Oder aufs Klo. Dort sitzen sie alle. Erzählen abstruse, verrückte Geschichten und Wahrheiten und Träume. Und nur ab und zu kommt eine Schwester rein und verjagt sie, raus auf die Stuhlreihen an der Wand entlang. Dort kann man die Manischen bei ihrem auf und ab beobachten. Den schizophrenen Gesprächen lauschen. Die alte Frau ganz hinten links zu laut schreien hören. Und Schach mit dem Pfleger spielen, der immer einen Zug macht, wenn er vorbei kommt. Dreimal täglich was zu essen. Und zweimal die Woche Beschäftigungstherapie. Und einmal die Woche schlurfende Schritte. Die Männer von der Station eine tiefer ziehen wie eine traurige Polonaise über die Frauenstation. Zur gemeinsamen Musiktherapie. Sie versucht unauffällig ganz hinten im Raum zu sitzen. Jedes Mal wieder zielt der Therapeut mit seiner Frage auf sie: Und, wirst du heute singen! Irgendwann hat sie beim durchblättern des Liederbuches einen Text entdeckt. Sie nimmt all ihren Mut zusammen:

1.Die Gedanken sind frei,
wer keiner kann sie erraten,
sie fliehen vorbei
wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger erschießen,
es bleibet dabei:
die Gedanken sind frei.
 
2. Ich denke, was ich will,
und was mich beglücket,
doch alles in der Still,
und wie es sich schicket.
Mein Wunsch und Begehren
kann niemand verwehren,
es bleibet dabei:
die Gedanken sind frei.
 
4. Und sperrt man mich ein
im finsteren Kerker,
das alles sind rein
vergebliche Werke;
denn meine Gedanken
zerreißen die Schranken
und Mauern entzwei:
die Gedanken sind frei.

Noch 11 Mal hat sie diese Zeilen gesungen, 11 Mal nicht beantwortet, warum sie einen falschen Liedtext singen würde und bei ihrem Abschied haben vielstimmig Männer und Frauen mit ihr gesungen. All diese Verrückten. Sie war 16 und die geschlossene Frauenstation tatsächlich der erste sichere Ort in ihrem Leben, auch wenn die Fixiergurte in manchen Nächten hart in ihre Haut gedrückt haben. Und nein, die Jäger konnten ihre Gedanken nicht erschießen.

Daneben gestanden.

Es ist diese entfernte Betroffenheit, die mich wiederum betroffen macht. Sicher oft ernst gemeint von demjenigen, der einen kleinen Moment erfährt, wie gewaltsam diese Gewalt wirklich sein kann. Einen kleinen Moment gemessen an dem, wie lange die tatsächlich Betroffenen es ertragen müssen. Mitgefühl auf sichere Distanz. Es ist ein Alltagsmensch, die davon spricht, das sie einen Bericht gehört hat auf einer Konferenz von einem, der viel mit den Opfern zu tun hat. Der ein spezieller Mensch sei, sicher um das zu ertragen, was er da täglich sieht und hört. Aber er sei ja schließlich Spezialist für solche Fälle. Gerichtsmediziner, um genau zu sein. Und was er erzählt habe, so schlimm sei das. Sie ist, denke ich, wirklich mit-fühlend. Und trotzdem ertrage ich diese Art von Mitgefühl kaum. Ich bin hier, nicht auf einem Obduktionstisch. Lebend, jeden Tag mit all dem „schlimmen“. Sie redet noch ein wenig weiter. Und dann höre ich uns sagen: Meine Geschichte ist auch so eine. Ich bin nur nicht tod. “ Ich sehe, wie es bei ihr arbeitet. Ach so. Aha. Dann wird ein Schweigen peinlich lang. Ich müsse jetzt weiter. Jaja, einen schönen Tag noch. Ja danke. Dir auch. Ich weis noch nicht wie ich es finde, ihr dies preisgegeben zu haben. Aber wenigstens hab ich gesagt, das DAS nicht nur in Erzählungen vorkommt, sondern manchmal ganz nah ist. Das sie gerade neben einer dieser Betroffenen gestanden hat.