Warum ich mich entschlossen habe, vor der Aufarbeitungskomission auszusagen

Ich nehme für mich in Anspruch, gehört und gesehen zu werden.

Ich empfinde die benannten Ziele der Komission als plakativ, auch als zu selbstverständlich um schon wieder Inhalt einer Kamagne zu sein, und als  traurig, weil sie vom Zustand des gesellschaftlichen Umgangs mit sexualisierter Gewalt zeugen.
Ich glaube nicht daran, das es zu einer tatsächlichen Aufarbeitung kommt. Das wirkliche Hilfen wie angemessene, fachlich fundierte Traumatherapie, rechtliche Änderungen was Verjährungsfristen oder OEG – Verfahren betrifft oder die Berücksichtigung von innerfamilären Tätern im sozialen Leistungsrecht trotz Subsidaritätsprinzip endlich Einzug halten.

Ich habe mich gegen eine öffentliche Anhörung entschieden, da ich Stigmatisierung, Verurteilung und Bewertung meiner Person befürchte und nicht bereit bin, mich diesem bewusst auszusetzen. Außerdem lebe ich aus Schutz und Sicherheitsgründen immer noch, soweit möglich, anonym.

Ich bin es leid, mich der Definitionsgewalt und Rollenmacht eines sozialen und helfenden Umfelds auszusetzen. Ich möchte nicht mehr um etwas bitten, das selbstverständlich sein sollte. Es tut mir nicht (mehr) leid, das meine Geschichte schwer anzuhören, auszuhalten oder zu glauben ist. Ich fordere ein, das mir achtsam, respektvoll und würdig begegnet wird.

Der Begriff Opfer stellt in seiner Definition eine der Gewalt von etwas oder jemandem ausgelieferte und unterlegene Person dar. Ich empfinde, das die Benutzung dieses Begriffes als Bezeichnung mir diese Rolle zuweist und meine Situation als unterlegen definiert. Dieser Begriff bezeugt aber nicht die Verletzung meiner menschlichen Würde, körperlichen Unversehrtheit und sexuellen Selbstbestimmung. Ich empfinde diesen Begriff als gesellschaftliche Ausgrenzung. Gleiches gilt für das Wort Betroffene. Ich fordere, das anstatt auf mich als Opfer zu zeigen, endlich die Täter in den Mittelpunkt gestellt und aus den Nischen ihrer Verstecke vertrieben werden.

Meine Geschichte und Person ist weder besonders noch einmalig. Ich bin eine von Vielen. Während ich diesen Blogbeitrag schreibe, erfahren andere gleiche und andere Formen sexualisierter Gewalt.

Nachtrag November 2016:

Ich habe am 08.09.2016 folgende Mail erhalten:

AUFARBEITUNGSKOMMISSION Online-Anmeldung
Vielen Dank für Interesse, an einer Anhörung der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs teilzunehmen.

Gern bestätigen wir Ihnen den Eingang Ihrer Nachricht und bitten Sie noch um etwas Geduld.

Wir werden uns in den nächsten Wochen mit Ihnen in Verbindung setzen, um mit Ihnen das weitere Vorgehen zu besprechen.

Mit freundlichen Grüßen
das Büro der Kommission

(Fortsetzung folgt)

 

Januar 2017

Anfang Januar habe ich eine Mail bekommen mit Ansprechpersonen, Ablaufplan und einem Terminvorschlag im Februar für die Anhörung. Die Anhörung wird von zwei Anwältinnen durchgeführt werden und es sind etwa 2 Stunden eingeplant. Nun bereite ich mich auf das Gespräch vor.

Hier der Ablaufplan. Außerdem ist es möglich, sich von einer Vertrauensperson oder Mitarbeiterin einer Beratungsstelle begleiten zu lassen.

Ablauf der Anhörung

Wir wollen Sie darüber informieren, wie wir die Anhörung mit Ihnen vorbereitet haben. Ganz

wichtig: Es wird keinen festen Ablaufplan geben, dem wir folgen müssen. Jede Anhörung wird so individuell wie Ihre Geschichte sein. Wir möchten Ihnen unsere Überlegungen vorstellen, damit Sie wissen, was Sie erwartet.Für Ihre Anhörung haben wir etwa zwei Stunden eingeplant. Die Anhörung wird mit einer kurzen persönlichen Vorstellung beginnen. Wir werden Sie, falls Sie die Einverständniserklärung zum Datenschutz noch nicht unterschrieben haben, zudem über die datenschutzrechtlichen Bestimmungen informieren. Im ersten Teil des Gesprächs berichten Sie frei, was Sie uns erzählen wollen. Sie erzählen und wir hören zu. Bitte nehmen Sie sich die Zeit dazu, die Sie brauchen. Im zweiten Teil des Gesprächs werden wir eventuell Nachfragen stellen, um Ihre Geschichte besser zu verstehen. Die Fragen werden wir natürlich nur stellen, falls Sie uns zu den jeweiligen Themen nicht schon berichtet haben. Mögliche Fragen, die für die Aufarbeitung wichtig sind, werden in erster Linie sein:

1. Was hat Sie bewogen, sich zur Anhörung anzumelden und über den sexuellen Missbrauch, den Sie erlebt haben, zu berichten?

2. Bitte erzählen Sie uns von den erlebten Übergriffen.

3. Wie kam es dazu, dass der Missbrauch aufgehört hat?

4. Wem und wann haben Sie zum ersten Mal über den sexuellen Missbrauch

berichtet?

5. Wie waren die Reaktionen, als Sie über den Missbrauch gesprochen haben?

6. Haben Sie Hilfe und Unterstützung gesucht und haben Sie sie bekommen?

7. Welche Erfahrungen haben Sie mit zuständigen Behörden und

Unterstützungseinrichtungen gemacht?

8. Welche Folgen hatte der Missbrauch für Sie?

9. Spielt der sexuelle Missbrauch heute noch eine Rolle in Ihrem Leben?

Zum Abschluss würden wir gern von Ihnen wissen, was Ihrer Ansicht nach Politik und Gesellschaft gegen sexuellen Kindesmissbrauch tun sollten.

Sie müssen die genannten Fragen aber nicht beantworten, wenn Sie nicht wollen. Sie entscheiden, was Sie uns berichten wollen. Sie können auch jederzeit eine Pause machen oder auch die Anhörung ganz abbrechen.

 

Initiative Phönix Bundesnetzwerk für angemessene Psychotherapie e.V.

https://www.aufarbeitungskommission.de/

Online-Umfrage zu Erwartungen an die Komission

4 Kommentare zu “Warum ich mich entschlossen habe, vor der Aufarbeitungskomission auszusagen

  1. Anfang Januar habe ich eine Mail bekommen mit Ansprechopersonen, Ablaufplan und einem Terminvorschlag im Februar für die Anhörung. Die Anhörung wird von zwei Anwältinnen durchgeführt werden und es sind etwa 2 Stunden eingeplant. Nun bereite ich mich auf das Gespräch vor.

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  2. Pingback: Transkript einer Anhörung | worttrabant

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