von da nach dort

posteo.deZwischen hastigem Schuhgetrappel und hektischen Bahnhofsgeräuschen hört man seine Stimme, wie er die zusammengesackte Person neben sich immer wieder auffordert, sich nicht hinzulegen. Er ruft ihren Namen und es klingt resigniert und besorgt gleichzeitig. Ich warte auf dem Treppenabsatz, schaue, ob irgend jemand anderes noch bei den beiden stehen bleiben würde. Ich kann nicht weiter gehen. Ich dreh um, lauf auf die beiden Gestalten zu. Er sieht aus wie so viele, die in der Ubahn Zeitungen verkaufen. Und sie. Basecape, zwei Kapuzenshirts übereinander, Jeans. Sie sieht aus wie ich. Damals. Mein nachfragen ergibt, die beiden kennen sich flüchtig von der Platte. Sie ist stark alkoholisiert, atmet kaum und kann mit ihren Krücken nicht mehr weiter. Er wiederholt immer wieder: „Ich kann sie hier doch nicht liegen lassen. Sie braucht doch endlich Hilfe.“ Der RTW sei angerufen, aber komme einfach nicht. Ich rufe nochmal an und biete an, mit ihm zu warten. „Nee, müssen´se nich, ham doch sicher besseres zu tun.“
Hab ich nicht. Ich bleibe und er erzählt. Von der letzten Nacht und den 90zigern und von der Frau, die er noch immer bittet, nicht einzuschlafen. Er erzählt vom Alex und wie das früher da war. Und heute, das alle Menschen weiter gehen, auch wenn er um Hilfe bittet. Ich spüre auch ihre Blicke, sehe wie in ihren Gesichter die Frage steht: „Warum bleibt die denn bei dem stehen.“ Warum nicht? Auch er fragt mich, warum bleibt denn keiner stehen? „Alle laufen´se weiter. Als ob ick Abschaum wär.“ Ich sag ihm, das ich denke, das die Leute Angst haben, hinzuschauen und Angst, ihnen könne es selbst so ergehen. Warum ich den steh´n geblieben sei, will er wissen. Ich antworte ihm nicht. Sag ihm nicht, das mich die Gestalt mit ihren Kapuzenshirts und dem Basecape so sehr an mich erinnert. Das ich früher immer versucht hab, einen Platz zu finden, wo ich nachts nicht gestört würde, das ich gern in dem großen Park geschlafen habe und manchmal die Nächte auf dem Bahnhof rumbekommen, wenn´s zu kalt für die Parkbank war. Und das es bei Burger King an der Hintertür nachts die Reste gab, man musste nur schnell genug zugreifen. Ich werde unruhig. Warum kommt denn niemand? Er sagt ihr immer noch, sie solle atmen und sich nicht hinlegen. Dazwischen denkt er laut nach, wo er heut nacht schlafen würde. „Notunterkunft?“ höre ich mich sagen. „Nee, allet voll, sind zu viele.“ Meine Hände spielen mit dem Kleingeld, das ich noch von gestern in der Hosentasche habe. Wenn die Notunterkunft voll ist, was sollen da die 2_50zig weiter helfen? „Ich geh mal schauen, ob ich die irgendwo finde!“ Ich laufe über den Bahnsteig, wo mir die Sanitäter entgegen kommen. Ich zeig auf die beiden Gestalten, registriere den bedienten Gesichtsausdruck der beiden mit ihren weißen Klamotten und Neonjacken und rufe ein „Auf Wiedersehen“. Dann geh ich. Spüre, wie sie neben mir läuft, Kapuzenshirt tief in die Stirn gezogen, schwere Schritte, Rucksack mit allem drinn was wichtig ist. Es kommt mir seltsam vor, mit ihr von da nach dort weiter zu fahren. In meine Wohnung. Zu all den wichtigen Dingen, die heut nicht mehr in einen Rucksack passen. Der Rucksack von damals steht nun zwischen all diesen Dingen, die sich angesammelt haben.

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