perspektivwechsel

therapie 1

ein psychiater. ich treffen ihn zum ersten mal als ich 14 bin. ich mag ihn nicht. in meiner erinnerung ist er ein arsch. und unangenehm. und einer von ihnen.

therapie 2

ich sitze auf der kante eines tagesbettes und starre angestrengt aus dem fenster. hinter mir füllt stühleklappern und stimmengewirr den raum. neben mir steht meine tasche. es ist herbst, 1990. ich bin 15 jahre alt, wiege 48 kg und bin am morgen in diesem raum abgestellt worden. zuvor lief ich neben ihr her übers klinikgelände. war froh, nicht mehr neben ihr in der enge des autos sitzen zu müssen. hab aus gewohnheit die steinstufen gezählt in den zweiten stock, mich am eisengeländer festgehalten. kann atmen, seid sie sich umgedreht hat und endlich gegangen ist. jetzt warte ich. auf die angekündigte abholung. „sie werden dich abholen, jeden abend. die nacht verbringst du in einem heim. und tagsüber hier.“ eine ankündigung, bedrohlich fühlen sich ihre worte an. übergeben. nicht an diesen ort hier. sondern an diejenigen, die am abend kommen sollen.

jemand setzt sich neben mich. weiß ist ihr kittel und warm ihre stimme. „ wir haben den ganzen tag überlegt. das dich hier jeden abend jemand abholt, das machen wir nicht mit. du schläfst hier. auf der tagesstation. das geht schon. und dann schauen wir.“

3 monate ist die geschlossene psychiatrische station für frauen der sicherste ort wo ich sein kann.“ es gibt 3 türen, alle abgeschlossen. die zum treppenhaus, die zur station und die zum schwesternzimmer. ich werde immer weniger angst haben vor den verrückten*. ich werde den klappernden teewagen jeden tag von einem zum nächsten zimmer zu schieben. werde wissen, dass das schreien aus dem zimmer auf halber höhe zum stationszimmer von I. kommt. der ich nun jeden morgen ihren kakou ans bett stelle. auf die seite, wo die nicht fixierte hand ist. die mir irgendwann erzählen wird, das sie viele jahre in einer anstalt weggesperrt war, die laufen lernen wird und zum abschied an der treppe stehen und mir zuwinken. ich werde auf dem gang sitzen und der nette pfleger wird immer wenn er vorbeikommt, seine schachfigur bewegen auf dem brett vor mir. ich werde nachts mit den anderen auf dem klo rauchen und ihnen beim tanzen zusehen. in der musiktherapie irgendwann“ die gedanken sind frei“ durch den raum schmettern. mit den männern von der station unten drunter rauchend im treppenhaus sitzen. für die alte dame am ende vom gang die bildzeitung am kiosk vor dem klinikgelände kaufen ( dafür muss ich heimlich die station verlassen) manchmal nachts mit der netten ärztin reden, die ihr dienstzimmer auf der tagesstation hat. die mir gesagt hat, das ich bleiben kann. die mir sagen wird, das sie es nicht geschafft hat, durchzusetzen, das ich auf die kinder- und jugendstation nebenan verlegt werde. sondern weg muss, nach berlin.

manchmal werde ich draußen unterwegs sein und medizinisch versorgt werden danach. sie werden meine schuhe einschließen und mich zu zweit aus der telefonzelle auf dem gelände zurück auf die station tragen. zeitweise fixieren. so wie die geigenspielerin, die ganz selten mit ihrem instrument am fenster steht, wenn sie grade nicht weint.

ich werde 3 monate mich geborgen fühlen zwischen den türen und den verrückten* und nachts im sessel schlafen im dienstzimmer der stationsärztin, während sie berichte schreibt.

*die verrückten auf dieser station waren die ersten menschen mit denen ich lachend, weinend und rauchend erfahren habe, das ich lebendig bin. echt bin. es ist das liebevollste, was ich sagen kann.

therapie 3

psychiatrische kinder- und jugendstation berlin. gitter vor den fenstern, linoleum, abgeschlossene tür.

wir sind zu 7ent. jedenfalls die von uns, die immer übrig bleiben, während andere nach 8 Wochen therapiezyklus zurück geschickt werden. 4 von uns werden nicht älter als 25 werden. 2 nicht mal volljährig. c. wird mir geld und walkman klauen und sich davon ihren goldenen schuss kaufen. weil sie nicht mehr von der sozialarbeiterin der station jedes wochenende bei ihrem daddy abgeliefert werden will. der hinter der sozialarbeiterin die tür der wohnung abschließt, nachdem er ihr noch gezeigt hat, das c. jetzt ein bett neben seinem hat. er muss ja schließlich aufpassen, das sie nicht schon wieder wegläuft.

k. springt irgendwann von dem dach, auf dem wir auch zusammen schon gesessen haben. zumindest in gedanken. an der mauer im garten sitzend, die diesen umgibt, 2,50 hoch das tor wird uns aufgeschlossen, wenn wir mhm.. hofzeit haben. d. werde ich noch einige jahre treffen, bei ihm im kinderheim pennen, mir die eckeligen geschichten über seine mutter anhören, immer öfter merken, das er voll mit drogen ist und irgendwann von wem hören, das er in nem bahnhofsklo gefunden worden ist. r. werde ich in einer twg wieder treffen.

der zuständige psyochologe dort hatte mir ganz klar gesagt, er werde mir nicht helfen. ich solle aufhören darauf zu hoffen, das ich in eine wg übers jugendamt ziehen kann. die mutter hätte ihm die konsequenzen für seine karriere ziemlich klar gemacht. jetzt hat er ne schicke praxis in mitte.

therapie 4

du bist die erste die hier einzieht, sagt die sozialarbeiterin. alles riecht neu und ist neu. ich hab ein eigenes zimmer, die sonne scheint durchs fenster. ich hab gespräche mit einer psychologin aus der beratungsstelle eine etage tiefer und einen antisuizidvertrag. telefonate mit meiner mutter führe ich in anwesenheit einer sozialarbeiterin. sie kann hören, wie die mutter mich offen bedroht. als diese persönlich nach berlin kommt soll ich ihr nicht begegnen und doch fängt sie mich auf der straße ab. „ich bring dich um“ ganz unverholen laut über die straße gebrüllt. zeugen machen ihr nichts aus. haben ihr nie was ausgemacht. alle sollen es hören. auch ich. ich muss ausziehen bald darauf.

therapie 5

twg / d. in der twg lande ich, weil ich zum jugendamt gegangen bin. nach 3 jahren halber freiheit und leben bei einer person, mit der ich sex hatte, weil ich dachte es wäre liebe. die mich NICHT geschützt hat, vor sich selbst, den übergriffen, auch durch ihren sohn und ihren nachbarn. die gedroht hat, aus dem 21.stock zu springen, als alles rausgekommen ist weil mich eine freundin von ihr einfach mitgenommen hat. damit ich endlich darüber rede. die twg war ein projekt jener jugendpsychiatrie, in der ich bis zum 17. geburtstag insgesamt über ein jahr verbracht hatte.

in der twg treffe ich r. wieder. wir werden dort ein dreiviertel jahr zusammen wohnen. ich werde sie wie eine kleine schwester mögen, obwohl sie seltsam ist und still und oft schräg. als wäre sie viele menschen in einem. ich werde sie auf einem spielplatz die halbe nacht festhalten damit sie sich nichts antut. und zum bahnhof bringen. weil sie umzieht in eine andere stadt, irgendwohin, wo es besser ist. erst viele jahre später wird mir jemand vorsichtig erzählen, das r. nur noch wenige monate dort geschafft hat. das sie schon lange nicht mehr lebt.

so wie d. der nach einem halben jahr in der twg sich sein rosa kissen auf die sbahn gleise legt. ein stricher weniger. wir sitzen spalier im hof, als seine familie seine habseligkeiten wegtragen. eigentlich nur den fernseher und die stereoanlage. am abend vorher haben wir sein zimmer aufgebrochen und alles persönliche mitgenommen.

therapie 6 und folgende sind noch aufzuschreiben

es fehlen einzelne personen und zwischenzeiten. die orte und handlungen sind nicht vollständig , existieren noch heute und sind wahr.

2 Kommentare zu “perspektivwechsel

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