Die Gedanken sind frei

Seit einiger Zeit dringt dieses Lied immer wieder aus dem Fernseher als Teil eines Werbespots, lässt die Melodie die Erinnerungen wieder wach werden. 1991, eine Psychiatrie in Ostdeutschland, wachs getränktes Linoleum, das vermutlich schon grau war, als es auf dem langen Flur verlegt wurde. Tür an Tür an Tür, dahinter Zimmer mit zwei, vier, fünf Betten, an manchen baumeln die Manschetten der Fixiergurte. Der Ausblick durch die Fenster wird von Gittern zerteilt. Zum rauchen geht’s entweder durch die immer verschlossene Tür. Zumindest bis zum Treppenabsatz, Schuhe bekommen aber nur die, die nicht versucht haben, weg zu laufen. Oder aufs Klo. Dort sitzen sie alle. Erzählen abstruse, verrückte Geschichten und Wahrheiten und Träume. Und nur ab und zu kommt eine Schwester rein und verjagt sie, raus auf die Stuhlreihen an der Wand entlang. Dort kann man die Manischen bei ihrem auf und ab beobachten. Den schizophrenen Gesprächen lauschen. Die alte Frau ganz hinten links zu laut schreien hören. Und Schach mit dem Pfleger spielen, der immer einen Zug macht, wenn er vorbei kommt. Dreimal täglich was zu essen. Und zweimal die Woche Beschäftigungstherapie. Und einmal die Woche schlurfende Schritte. Die Männer von der Station eine tiefer ziehen wie eine traurige Polonaise über die Frauenstation. Zur gemeinsamen Musiktherapie. Sie versucht unauffällig ganz hinten im Raum zu sitzen. Jedes Mal wieder zielt der Therapeut mit seiner Frage auf sie: Und, wirst du heute singen! Irgendwann hat sie beim durchblättern des Liederbuches einen Text entdeckt. Sie nimmt all ihren Mut zusammen:

1.Die Gedanken sind frei,
wer keiner kann sie erraten,
sie fliehen vorbei
wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger erschießen,
es bleibet dabei:
die Gedanken sind frei.
 
2. Ich denke, was ich will,
und was mich beglücket,
doch alles in der Still,
und wie es sich schicket.
Mein Wunsch und Begehren
kann niemand verwehren,
es bleibet dabei:
die Gedanken sind frei.
 
4. Und sperrt man mich ein
im finsteren Kerker,
das alles sind rein
vergebliche Werke;
denn meine Gedanken
zerreißen die Schranken
und Mauern entzwei:
die Gedanken sind frei.

Noch 11 Mal hat sie diese Zeilen gesungen, 11 Mal nicht beantwortet, warum sie einen falschen Liedtext singen würde und bei ihrem Abschied haben vielstimmig Männer und Frauen mit ihr gesungen. All diese Verrückten. Sie war 16 und die geschlossene Frauenstation tatsächlich der erste sichere Ort in ihrem Leben, auch wenn die Fixiergurte in manchen Nächten hart in ihre Haut gedrückt haben. Und nein, die Jäger konnten ihre Gedanken nicht erschießen.

Daneben gestanden.

Es ist diese entfernte Betroffenheit, die mich wiederum betroffen macht. Sicher oft ernst gemeint von demjenigen, der einen kleinen Moment erfährt, wie gewaltsam diese Gewalt wirklich sein kann. Einen kleinen Moment gemessen an dem, wie lange die tatsächlich Betroffenen es ertragen müssen. Mitgefühl auf sichere Distanz. Es ist ein Alltagsmensch, die davon spricht, das sie einen Bericht gehört hat auf einer Konferenz von einem, der viel mit den Opfern zu tun hat. Der ein spezieller Mensch sei, sicher um das zu ertragen, was er da täglich sieht und hört. Aber er sei ja schließlich Spezialist für solche Fälle. Gerichtsmediziner, um genau zu sein. Und was er erzählt habe, so schlimm sei das. Sie ist, denke ich, wirklich mit-fühlend. Und trotzdem ertrage ich diese Art von Mitgefühl kaum. Ich bin hier, nicht auf einem Obduktionstisch. Lebend, jeden Tag mit all dem „schlimmen“. Sie redet noch ein wenig weiter. Und dann höre ich uns sagen: Meine Geschichte ist auch so eine. Ich bin nur nicht tod. “ Ich sehe, wie es bei ihr arbeitet. Ach so. Aha. Dann wird ein Schweigen peinlich lang. Ich müsse jetzt weiter. Jaja, einen schönen Tag noch. Ja danke. Dir auch. Ich weis noch nicht wie ich es finde, ihr dies preisgegeben zu haben. Aber wenigstens hab ich gesagt, das DAS nicht nur in Erzählungen vorkommt, sondern manchmal ganz nah ist. Das sie gerade neben einer dieser Betroffenen gestanden hat.