Transkript einer Anhörung

Ich habe mich entschlossen, das Transkript meiner Anhörung im Rahmen der Aufarbeitungskomission in einer nicht öffentlichen Befragung durch zwei Anwältinnen hier zu veröffentlichen. Warum ich mich entschlossen habe, vor der Aufarbeitungskomission auszusagen, kannst du hier lesen. Es wurden Fragen gestellt, die vielleicht auch andere haben und Antworten gegeben, die so sonst nirgens aufgeschrieben sind. Es ist ein Teil meiner Erfahrungen und es eine Geschichte unter vielen. Ich weis, nicht wer du bist und warum du dich dafür interessierst, das Transkript zu lesen. Falls du selbst Gewalterfahrungen hast, achte bitte beim lesen auf dich.

Es fällt mir nicht ganz einfach, all das dort gesagte nun auch noch für jede_n lesbar zu machen. Aber ich habe immer noch sooft Angst vor all den Annahmen, Vermutungen, Zuschreibungen und nicht für möglich gehaltenem.  So kann sich jede_r selbst ein Bild von einem möglichen Lebenslauf wie dem meinen machen.

Die Anhörung hat im Frühjahr 2017 stattgefunden. Die beiden Anwältinnen waren achtsam, sorgfältig bei der Wahl ihrer Worte und das Gespräch anstrengend, aber ok. Nur hinterher hätte ich mir gewünscht, das wer mich einfach nur lange in den Arm nimmt.

Vertrauliche Anhörung

Kontext: Familie, soziales Umfeld, rituell/organisiert, mehrfach, Fremdtäter, DDR

Täter: Vater, viele Täter aus rituellem Kontext (auch die Kinderärztin von B), Vergewaltigung durch Fremdtäter, Vergewaltigung durch Sohn der Freundin

Anmerkung: Schwester mitbetroffen von ritueller Gewalt, sadistische Mutter

Geburtsjahr: 70iger Jahre

Gesprächsbeteiligte: Betroffene (B), 2 InterviewerInnen (I1 und I2)

I 1: Ja, noch mal danke, dass Sie gekommen sind und uns Ihre Geschichte berichten wollen. … Ja, wollen Sie frei anfangen zu reden oder soll ich Sie was fragen? Fragen?

B: Mhm.

I 1: Ja, also um reinzukommen, würde ich Sie bitten, dass … Sie uns vielleicht einfach erzählen, wie Sie aufgewachsen sind, … woher Sie kommen, also jetzt nicht örtlich, sondern was das für ein Milieu vielleicht ist.

I 2: Sie können aber … Sie können auch … Orte nennen, die werden hinterher ohnehin …

B: Ach so, wir haben das gerade schon besprochen, dass ich …

I 2: … rausgenommen. Sie müssen jetzt nicht irgendwie …

B: … sehr vage sein werde bei den Orten.

I 2: Okay.

B: Also ich bin das ja gewohnt, auch mich zu anonymisieren.

I 2: Alles klar.

B: Einfach … ja …

I 2: Mhm.

B: … begründet. … Ich bin in Ostdeutschland geboren, in den 70er-Jahren.

I 2: Mhm.

B: In einer typischen … DDR-Familie groß geworden. Meine Eltern waren beide … Journalisten. … Mein Vater war nicht mein richtiger Vater, mein leiblicher Vater. Die haben sich erst später kennengelernt. Und ich hab noch Geschwister.

I 1: Wie viele denn?

B: Aufgewachsen bin ich mit einer jüngeren Schwester zusammen.

I 1: Mhm. (Pause)

I 2: Und die anderen sind davor oder danach …?

B: … Beides, sowohl als auch, … in verschiedenen Konstellationen, also …

I 2: Mhm. (Pause)

I 1: Und … der … der Vater, der nicht der leibliche Vater war von Ihnen, der war dann mit Ihrer Mutter sozusagen verheiratet?

B: Die waren verheiratet und meine jüngere Schwester ist ein gemeinsames Kind gewesen.

I 1: Okay, also Ihre Halbschwester.

B: Ja.

I 1: Sozusagen. …

I 2: Sie stammen aus einer früh… früheren Beziehung.

B: … Beziehung, genau.

I 2: Mhm. … Und aus der Beziehung sind Sie dann das einzige Kind oder …?

B: Aus der Beziehung bin ich mit meiner Mutter das einzige Kind, hab aber … Also der biologische Vater hat noch mehr Kinder.

I 1: Mhm.

B: Und meine Mutter hat aber wiederum auch vorher schon Kinder gehabt. Also … wir sind recht …

I 2: Holla.

B: … verzweigt. (beide lachen) Das hat später auch eine Rolle gespielt, dass das so war. Also das hat mein Alleinstellungsmerkmal später ausgemacht, dass ich halt … letztlich zu niemandem tatsächlich komplett gehört hab. Also das hat später einfach meine Rolle sehr begünstigt.

I 2: Mhm. …

B: Das ist eigentlich der einzige Punkt, warum das irgendwie so ein bisschen eine Rolle gespielt hat später.

I 2: Mhm.

I 1: Hatten Sie denn Kontakt zu Ihren anderen Geschwistern auch als Kind oder …?

B: Ja, kurzfristig. Dann sehr lange nicht mehr und heute wieder.

I 1: Heute wieder.

B: Teilweise, ist aber schwierig.

I 1: Mhm. (Pause) Okay. Und da sind Sie aufgewachsen und auch zur Schule gegangen, Kindergarten …?

B: Zur Schule gegangen, bis ich 15 war.

I 1: Mhm, und was haben Sie dann gemacht?

B: In der Psychiatrie gelandet, über zwei Jahre, und bin dann … quasi weggegangen, also … also mit 17, weg von dort. Und hab dann hier gelebt.

I 1: In *(Großstadt 1)?

B: Ja.

I 1: Also sind Sie dann hierhergekommen. Und das war aber dann noch sozusagen während der DDR.

B: Nein, das war Nachwendezeit.

I 1: Okay.

B: Also die Auflösung fand dann nach der Wende statt.

I 1: Okay, mhm.

B: Hat die Wende wahrscheinlich auch ein bisschen begünstigt.

I 1: Mhm. (Pause)

I 2: Die Auflösung?

B: … Sind komplexe Täterstrukturen. Also es gab eine schwere innerfamiliäre Gewalt, es gab aber auch ein … f… organisierte Gewalt im Umfeld meines Adoptivvaters. Meine Mutter wusste davon, hat das … begünstigt. Meine Kinderärztin war beteiligt, Menschen aus meinem nahen sozialen Umfeld und halt eben ein größerer Ring von Männern, …

I 1: Mhm.

B: … die wiederum Kontakt auch zu anderen Gruppen hatten.

I 1: Mhm.

B: Und die Strukturen haben sich mit der Wende aufgelöst. Ich denke, auch aus …

I 1: Ach so.

B: … Ängsten heraus, dass das irgendwie auffliegen könnte.

I 1: Mhm.

I 2: Mhm. Und Ihr Adoptivvater ist … der … der Ehemann Ihrer Mutter, mit dem sie dann noch ein zweites Kind hatte.

B: Ja.

I 2: Okay. …

I 1: Gut, und wenn Sie sagen, Gewalt, also körperliche Gewalt, familiäre, … hat dann in Ihrer Kindheit da eine Rolle gespielt?

B: Mhm. Meine Mutter selber ist relativ sadistisch veranlagt.

I 1: Mhm.

B: War sie auch immer. Ich nehme heute an, dass meine Mutter und mein Adoptivvater sich tatsächlich gesucht haben über einschlägige Kontakte. Dass mein Vater nach einer Frau gesucht hat mit einem Mädchen, das … wenig bis keine Rolle gespielt hat. Also das irgendwie zur Verfügung stand. Meine Mutter wiederum jemanden gesucht hat, der gewisse Machtposition einnimmt. Sie hatte sich ein bisschen geirrt. Mein Vater war nicht der Mächtigste in der Gruppe, aber … ich denke, zu dem Zeitpunkt war das das, was die beiden zusammengeführt hat. Und meine Mutter hat den Sadismus innerhalb der Familie ausgelebt. … Und hat sich später auch von der Familie sehr wegbewegt. Also die hatte dann noch mal eigene Gruppen, in denen die sich dann bewegt hat, und hat mich dann dem Vater überlassen. Und der wiederum war innerhalb von einer Gruppe relativ aktiv und hat mich da dann zur Verfügung gestellt. Und alles, was er innerhalb der Gruppe nicht durfte, weil er einen unteren Rang hatte, das hat er halt dann zu Hause ausgelebt. Also das, was er am Wochenende in der Gruppe nicht durfte, hat er sich dann halt unter der Woche geholt, wenn … er mich zu Hause hatte. Von daher hat es in allen Ebenen eine Rolle gespielt.

I 1: Mhm. Also … war es dann so, dass Ihre Mutter auch dann physisch abwesend war, wenn sie …

B: Ja.

I 1: … weg war? In welchem Alter war das so ungefähr?

B: Die haben sich getrennt, als ich zehn war ungefähr.

I 1: Mhm.

B: Nach vielen häuslichen Streitigkeiten. Und … räumlich zusammengelebt haben die aber noch relativ lange. Und meine Mutter ist ab dem Zeitpunkt häufig nicht da gewesen, auch über längere Zeit, also auch teilweise zwei Wochen, vier Wochen, sechs Wochen.

I 1: Und dann waren der Adoptivvater und Sie und Ihre Halbschwester …

B: Und mein Adoptivvater war zu dem Zeitpunkt dann schon schwerer Alkoholiker.

I 1: Mhm.

B: Also so (lachend) richtig verfügbar war der auch nicht.

I 2: Wie viel jünger war Ihre Schwester?

B: Vier Jahre.

I 1: Vier. Und … heißt das, Sie haben Ihren Adoptivvater quasi als … Vater … von Anfang an erlebt oder wie alt waren Sie überhaupt, als die beiden zusammengekommen sind?

B: Ich war drei ungefähr, zwei, zweieinhalb, drei. … Ich hab kein wirkliches Bild von Eltern. Also meine …

I 1: Mhm.

B: … Mutter war von Anfang an sadistisch mir gegenüber. Und er hat eben seine Sachen ausgelebt, von daher …

I 1: Mhm.

B: Väter kannte ich, aber die kannte ich halt von Freundinnen. Da hab ich halt …

I 1: Mhm.

B: … gesehen, was Väter eigentlich sind. Das hab ich zu Hause nicht wiedergefunden.

I 1: Mhm.

B: Deswegen hatte ich überhaupt nicht das Gefühl, dass das mein Vater gewesen wäre.

I 1: Mhm. …

B: Also …

I 1: Und Ihren leiblichen Vater, hatten Sie denn zu dem immer Kontakt?

B: Mhm (verneinend). Nein, den hab ich später mal getroffen, aber das war dann so schwierig, dass da plötzlich ein Mensch auftaucht, der halt sagt: Ich bin dein Vater.

I 1: Mhm.

B: Dem hätte ich Dinge erklären müssen, die hätte der gar nicht verstehen können. Deswegen haben wir kurz Kontakt gehabt, aber das ist wieder abgebrochen.

I 2: Mhm.

I 1: Hat er den gesucht dann zu Ihnen oder …?

B: Ja.

I 1: Okay, mhm.

B: Und ich hab es dann abgebrochen, weil das keinen Sinn macht. Also was hätte ich dem erzählen sollen …

I 1: Mhm.

B: … darüber, und warum ich halt einen … Vater … auch nicht brau… Also, ne? Das war …

I 1: Mhm. War nicht positiv besetzt.

B: Nein, oder es … Ich konnte damit nichts anfangen. Das war mir auch zu viel in dem Moment, wo der aufgetaucht ist.

I 1: Mhm.

I 2: Wie alt waren Sie da?

B: Hm Ende … Also Ende der Pubertät, also so 18, 19. Da ist der plötzlich aufgetaucht. …

I 2: Und Sie wussten aber immer, dass es den gibt, oder?

B: Ja. Also was heißt immer, aber ich … Im Rahmen dieser Scheidung …

I 2: Mhm.

B: … ist das mit rausgekommen.

I 1: Also mit der Scheidung, mit … Als Sie so ca. zehn waren.

B: Mit der Scheidung. Ich hab, ne?, die Scheidungspapiere gelesen und da stand das dann halt drin.

I 1: Aber da haben Sie dann auch erst erfahren, dass Ihr Vater, der mit Ihnen im Haushalt lebte, der Adoptivvater ist?

B: Nein, das war schon vorher klar.

I 1: Das … das war vorher klar, okay.

B: Aber das war Teil dessen. Ich war ja sowieso nicht deren Kind. Ich war ja eh …

I 1: Mhm.

B: … eine Ausgeburt der Hölle oder was auch immer. Also … das war mehr so formal, das hat mich eigentlich eher … Mich hat eher beunruhigt, dass meine Mutter tatsächlich meine Mutter war. Also das hätte ich no… wahrscheinlicher noch gefunden, weil das hab ich eher … meine …

I 1: Mhm.

B: Die ist aber tatsächlich (schmunzelnd) meine leibliche Mutter.

I 1: Mhm.

B: Aber dass er das halt nicht war, das war jetzt irgendwie nicht überraschend oder so.

I 1: Mhm. Okay. Und war Ihre Schwester auch von … Übergriffen betroffen? …

B: Also ich hab vor über *(sechs bis zehn) Jahren mich anonymisiert und im Rahmen dessen mit meiner Schwester eine lange Auseinandersetzung noch mal gehabt. Die ist heute … Die lebt in demselben Umfeld, die hat ganz enge Kontakte in dem Umfeld, die ist da ganz stark eingebunden. Und sie sagt: nein. … Sie sagt aber auch … Also deren Erinnerungen sind so lückenhaft. Und ich weiß, dass sie Teil dessen war.

I 1: Mhm.

B: Aber in einer anderen Position. Also sie war … Sie hat eine andere Form von Gewalt mitbekommen, weil sie einfach nicht so … Sie war einfach die Prinzessin, sie war die leibliche Tochter. Das hat … war ein Unterschied. Aber sie war Teil des Konstrukts. Ja. …

I 1: Okay, wollen Sie mal was über das Konstrukt sozusagen, wie Sie das erlebt haben, erzählen?

B: Ja, das Konstrukt ist letztlich eben meine Mutter, die meinen Vater … Also ich denke, die haben sich gesucht und gefunden. Das war … Meine Mutter war hochgradig sadistisch veranlagt. Die hat relativ früh angefangen, a) zuzuschlagen und dann auch … (atmet tief aus) Es war halt so. Die hatte halt unglaublich viele Forderungen, also von Putzen über ihr irgendwie … genügen, über einfach pure Gewalt, die sie ausgelebt hat. Also ich glaube, bewusst angefangen hat das mit fünf oder sechs, dass ich wahrgenommen hab, das geht nur um Gewalt. Das geht nur darum, mich irgendwie zu dominieren oder eben sich da irgendwie zu … irgendwas auszuleben. … Und mein Vater hat halt relativ früh angefangen, mich passend zu machen. Also ich hab … Mit vier oder fünf … wusste ich, wie man Männer befriedigt, wie man sich zu verhalten hat, wie man … bestimmte Haltungen und Positionen einzunehmen, welches meine Rolle ist, was es heißt, ein braves Mädchen zu sein, wie man dem nachkommt. Ich nehme an, dass es mit drei oder vier auch angefangen hat, dass ich in den Kreisen auch unterwegs war. Also ab da hab ich auch aktive Erinnerungen. Und letztlich war das Konstrukt halt eben unser … unser … unsere Wohnung als solche plus halt der Freundeskreis meines Vaters. … Und das war ein Kern von ihm und zwei anderen Männern, die da fest … also die quasi die ganz …

I 1: Mhm.

B: … feste Kern ders… dieser Gruppe waren. Da war er aber nicht der … Hochrangige, sondern er war da, glaube ich, eher Zulieferer. Und es gab einen Mann, der eindeutig die Gruppe bestimmt hat, und einen zweiten, der da viel … der quasi mit ihm eng zusammen war. Also mit den beiden hatte ich fast immer zu tun.

I 1: Mhm.

B: Wenn ich in diesen Kreisen war. Und es gab Kontakte zu weiteren Gruppen, die dann zu bestimmten Anlässen dann eben auch noch aufgetaucht sind.

I 1: Kamen dann …

B: Kamen. Es gab mindestens vier feste Orte, die regelmäßig wiederkehrende Orte waren, wo ich halt war und wo halt irgendwas stattfand. Also eigen… also eigene Häuser plus halt eben … ja, … andere Orte. Also … gab eine Jagdhütte, in der wir recht häufig zum Beispiel waren und … so. Also es gibt vier Orte, die könnte ich sogar wiederfinden. Die kann ich benennen. …

I 1: Wollen Sie die noch näher schildern?

B: Sind zwei Privathäuser …

I 1: Mhm.

B: … plus eben ein … ein Jagd- oder Vereinshaus. Und ein dritter Ort, den (Pause) …

I 1: Noch mal ganz kurz zurück sozusagen so eine Stufe.

B: Mhm.

I 1: Wie … wie alt war dann Ihr Adoptivvater?

B: Deutlich älter. Der war … Also der wäre jetzt mittlerweile … deutlich über dem Rentenalter. Also der ist eh …

I 1: Also …

B: … mittlerweile verstorben … beziehungsweise, er ist schon länger verstorben. (räuspert sich)

I 1: Und …

B: War eine Gruppe von Herren, die die Nazizeit noch mitbekommen haben. Das war auch Inhalt ihrer … Struktur.

I 1: Mhm. …

B: Also, ne? Da ging es viel um so fascho… faschistoide Sachen und … Wertigkeiten von Mensch und Sein und ähnliche … (längere Pause)

I 1: Und haben Sie eine Erinnerung … an Teile der Kindheit ohne Missbrauch?

B: Nein.

I 1: Okay.

B: Mhm (verneinend). … Also ich weiß, dass ich mit (mit zittriger Stimme) drei gelernt hab, wie man sich anal … positioniert.

I 1: Mhm.

B: Und davor … mhm. (verneinend) …

I 1: (leise) Und da auch nicht.

I 2: Fand das … fand das quasi … Gehörte das zu Ihrem Alltag? Fand das im … quasi täglich statt oder … können Sie das irgendwie einsortieren? …

B: Also ich glaube, diese er… diese anfängliche … erzogen werden … dahin … dahin erzogen werden, das hat in unserer Wohnung damals stattgefunden.

I 2: Mhm.

B: Hm ich hab eine dissoziative Identitätsstruktur, die hatte ich vermutlich relativ früh schon … und weiß mittlerweile, wenn ich Dinge nebeneinanderstelle, die zeitgleich gewesen sein musst… müssen, dass das natürlich nicht alles unsere Wohnung gewesen ist. Also dass es …

I 2: Mhm.

B: … da eben auch außerhalb schon Orte gab. Und innerhalb der Wohnung war das … weiß ich nicht, das fing bei Kleinigkeiten an, dass ich halt beim Schreiben-Lernen genauso instruiert wurde oder dass das genauso Teil dieser Erziehung war wie halt wirklich aktives Erziehen und Trainieren von sexuellen Situationen oder so. Und kann man schon mal vorm Zubettgehen noch mal schnell durchgehen. Also von daher ist das schon …

I 2: Mhm.

B: … irgendwie … Also ich hab mir das … nie die Frage gestellt, ob das irgendwie, ne?, was Alltag war, weil …

I 2: Mhm.

B: … das war für mich, glaube ich, einfach Alltag.

I 1: Mhm.

B: Und es gab halt einen … einen gesellschaftlichen Allt… also einen sozialen Alltag wie Kita oder so. Da hat es dann nicht stattgefunden.

I 2: Mhm.

B: Also der …, ne? Den gab es dazu parallel. Oder Schule oder Ähnliches. …

I 1: Und waren das immer sexuell konnotierte Dinge, wenn Sie sagen sadistisch …? …

B: Also mit dem sexuell da drin ist ja sowieso relativ schwierig. … Also letztlich … Mi… mittlerweile ist es zusammengesetzt, dass viel davon … dass viel auch mit … mit … mit … Training zu tun hat. Also da geht es ja gar nicht nur um sexualisierte Handlungen, da geht es auch um Schweigegebote, um Funktionieren, um … um Anweisungen, die einfach implementiert sind. Es gibt heute noch Codes, daraufhin werde ich … zur Verfügung stehen. Und das hat nicht nur mit …

I 1: Mhm.

B: … Sexualität zu tu… oder mit sexuellen Handlungen zu tun. Gibt … Programme, die dazu führen, dass ich innerhalb von 48 Stunden mich nicht daran erinnern kann, was ich gerade zum Beispiel in der Therapie versucht hab zu rekonstruieren. Und das hat auch nichts mit Sexualität an sich zu tun, aber mehr damit, das Ganze halt auch nach außen abzusichern. … Es gibt … es gibt viel auch Gewaltsachen, die haben gar nichts … Also da geht es, glaube ich, nur um Unterlegenheit, um … Gab viel … Also es gibt viel so … Weiß ich nicht, ob Ihnen die Mengele-Sachen was sagen? Also gibt viele Sachen, die sehr daran erinnern. Also Experimente einfach auch zu machen.

I 1: Mhm.

B: Was passiert, wenn …? Und was passiert, wenn ich ein Kind in einen Steintrog stelle mit Wasser und da Strom reinlasse oder so? Oder, ne?, wo tut das weh oder was … So Sachen. Das hat … Also in die Richtung ging das auch teilweise.

I 2: Mhm. Was haben denn eigentlich Ihre Eltern beruflich gemacht?

B: Sind beide Journalisten.

I 1: Mhm.

I 2: Beide, die ganze Zeit …

B: Ja.

I 2: … als freie Journalisten oder …?

B: Nein, fest angestellt.

I 1: Also sind aus dem Haus und haben wo … in einem …

B: Ja.

I 1: … Verlag gearbeitet und kamen wieder zurück.

B: Ja. … Meine Mutter hat bis zum Schluss als Journalistin gearbeitet und … hat auch einen gewissen gesellschaftlich-beruflichen Aufstieg noch nach der Wende gemacht.

I 2: Mhm.

I 1: Okay, und vor der Wende waren sie dann eher staatstreu, Ihre Eltern, oder … (unterdrücktes Stöhnen von B) in einem Oppositionsblock (B hustet) oder … (B hustet)

B: Ich glaube, die waren nach außen relativ unauffällig.

I 1: Mhm.

B: Hm (Pause) das waren jetzt auch …

I 2: War das Print oder …?

B: Ja.

I 2: Print.

B: Also ich kann meine Mutter nach wie vor googlen und gucken, ob sie noch lebt.

I 2: Mhm.

B: Das wird mir von den Medien immer noch mitgeteilt.

I 2: Mhm.

B: Also die ist … Die hat sich noch ziemlich gut positioniert, deswegen bin ich halt auch so vorsichtig. Aber die sind nicht aufgefallen damals. Wir waren … Ich glaube, wir sind aufgefallen, aber das war eine Kleinstadt. Wir … Es wusste sowieso jeder in dieser Stadt, was bei uns vorgeht. Das war bekannt. Wir haben in einem Haus gewohnt, ich war später mit einer Therapeutin in dem Haus, und die ganze Gewalt, die in diesen zwei … Also wir sind noch mal umgezogen kurz vor meiner Einschulung und wir haben dann in einem Haus gelebt, das hatte fünf Stockwerke. Ich weiß, dass mein Freund im 5. Stock wusste, wann ich verprügelt werde, und ich wusste, wann er verprügelt wird, einfach weil wir es hören konnten. Und meine Eltern sich auch nicht die Mühe gemacht haben, das zu verbergen. Das hat im Haus, im Keller, vor der Tür, auf dem Schulweg, überall stattgefunden. Das hat die auch nicht interessiert.

I 2: Mhm.

B: Und das hat auch keinen anderen interessiert. Also, ne? Das ist jetzt nichts, wo mal jemand gesagt hätte: … Könnt ihr jetzt aber …

I 2: Mhm.

B: … nicht machen. Ich weiß, dass ich beim Jugendamt bekannt war, seit ich elf war. Dass das Jugendamt und eine Lehrerin mal versucht hat einzugreifen. Das ist für mich fast tödlich ausgegangen. Und das war dem Jugendamt bekannt. Ich hab später im Rahmen vom OEG beim Jugendamt nachgefragt. Angeblich gab es mich nie. Es gab nie eine Akte über mich. So.

I 2: Mhm.

B: Ich weiß es aber. Also ich hab ja … Ich hab ja selber Unterlagen vom Jugendamt …

I 2: Ja.

B: … mit Namen von Mitarbeiterinnen. … Und … so. (Pause)

I 2: Wie lief das ab, dass Leute – Lehrerin, Jugendamt – aufmerksam wurde?

B: Durch das … durch … dadurch dass das ab einem bestimmten Zeitpunkt auch nicht mehr verheimlicht wurde.

I 2: Mhm.

B: Die Lehrerin … Ja, es gab eine Lehrerin an meiner Schule, die wusste das. Der hab ich mich tatsächlich auch mal versucht, irgendwie mitzuteilen.

I 2: Haben Sie sich mitgeteilt?

B: Und es war auch sichtbar teilweise. Also … manche Sachen konnte man, glaube ich, einfach auch sehen. Ich bin sich… ich bin sicherlich auch aufgefallen. Ich hab relativ häufig gefehlt.

I 2: Mhm.

B: Und die hat das dann versucht, aber … Also deren Einziges, was sie dann irgendwann geschafft hat, war, mich halt in die Psychiatrie zu bringen.

I 1: Mhm.

B: Das war tatsächlich damals …

I 1: War das die Lehrerin?

B: Ja.

I 1: Und die hat Ihnen …

B: Die hat … Die ha… Das heißt, sie war das nicht alleine, aber das war dann irgendwas das Ergebnis, dass ich halt in der Psychiatrie war. Wobei ich zu dem Zeitpunkt auch nur noch 48 Kilo gewogen hab und schwer tablettenabhängig war. Also so, das war dann eh so ein Zeitpunkt, wo irgendwe… also wo wa… wo jemand …

I 1: Wo was passieren musste, um Sie zu … retten sozusagen.

B: Und wo auch meine Kinderärztin letztlich nicht mehr hätte sagen können, ups, die ja selber beteiligt war. Also die war ja Täterin.

I 1: Inwiefern?

B: … Meine Kinderärztin ist eine der Anlaufstellen gewesen, wo ich auch Jahre später immer wieder aufgetaucht bin. Also wenn ich versucht hab … Das hab ich bis heute, das Problem. Wenn ich versuche, Sachen von damals zu rekonstruieren, … kann es sein, dass Programme anspringen, die mich dazu bringen, irgendwohin zu gehen oder irgendwas zu tun. … Und ich mache jetzt seit über *(sechs bis zehn) Jahren Therapie, seit der Anonymisierung, wo ich aktiv damit arbeite. Davor war ich zwar in therapeutischen Institutionen, aber … das war jetzt nicht so (schmunzelnd) hilfreich. Und da war das schon so, dass ich dann plötzlich dort wieder vor der Praxis stand und es war einer der Orte, auf die ich trainiert wurde, dahinzugehen. Und sie selber, … nun, die war Ärztin. Sie hatte die Möglichkeit, medikamentös … mich vorzubereiten. … Also … Säfte, Drogen, keine Ahnung. Ich kenne mich damit nicht wahnsinnig gut aus. Aber Sachen, die halt eben schläfrig machen, müde machen, Körperwahrnehmung einschränken. Und sie war auch aktiv in der Gruppe teilweise. Also ich …

I 2: Also Sie haben sie auch an anderen Orten gesehen.

B: Ich kenne sie halt als meine Kinderärztin, war sie mir …

I 2: Mhm.

B: … immer bekannt. Ich hatte Erinnerungen schon immer daran, dass ich sie zu anderen Zeitpunkten in der Praxis zwar gesehen habe, aber dass das …

I 2: Mhm.

B: … nichts mit Kinderärztin zu tun hat. Ich wusste ja auch immer … Ich hab auch immer erzählt, dass ich halt morgens ganz oft bei ihr geschlafen hab und dann aufgestanden bin und nach Hause gegangen bin. Bis mal jemand gesagt hat: Du weißt schon, dass man nicht bei seiner Kinderärztin im …

I 2: Mhm.

B: … in der Praxis übernachtet. Für mich war das aber normal, morgens aufzustehen und aus der Praxis zu kommen. … Also die war wahrscheinlich eine, die … wo ich eh oft hin bin als Erstes. Die ein bisschen dafür gesorgt hat, dass ich nicht … nicht zu unruhig war. Und die mich wahrscheinlich auch oft hinterher wieder mitgenommen hat, endversorgt hat und von wo aus ich dann halt nach Hause gegangen bin. … Und sie war auch aktiv in der Gruppe. Ich kenne sie auch als Misshandlerin. (Pause)

I 2: Wie v… wie … Können Sie einfach mal so ein paar … Beispiele sagen, was … was Ihnen passiert ist? … Einfach mal … (beide schmunzeln, B lacht kurz auf)

B: Moment, (schmunzelt) ich suche mal was. Nein, … (räuspert sich) hm (räuspert sich) … Man muss das, glaube ich, sortieren. Es gab halt die Gewalt innerhalb der famil… fam… innerhalb der Familie von … durch meine Mutter.

I 2: Mhm.

B: Das hatte jede Form von … Das ging … Also das … ging bis zu massiver körperlicher Gewalt, teilweise auch wirklich nur noch ziellos und wahllos, und endete häufig mit Eingesperrt-Werden im Keller, … bis ich mich wieder beruhigt hätte. Also sie ist dann halt schlafen gegangen oben drüber und hat mich halt morgens wieder rausgelassen. Das wussten Nachbarn im Haus auch, also …, ne? Die sind dann ja auch in ihre Keller gegangen, haben morgens ihr Fahrrad geholt. Fanden sie auch nicht komisch, dass ich da im Keller sitze. Also es war bekannt. … Mein Vater halt, der sich eben … also der meine Mutter qua… Der hat nie eingegriffen. Der war oft anwesend, der saß halt daneben. Und wenn meine Mutter weg war, hat er sich halt das genommen, was er dachte, was anteilig eben ihm zustünde oder was er eben woanders nicht durfte. Und außerhalb der Familie … gab es recht private Treffen, wo dann eigentlich nur diese beiden Männer beteiligt waren, wo es … (Pause, unterdrücktes Stöhnen) Weiß ich nicht, einfache sexuelle Handlungen, … sexuelle Handlungen im Rahmen von, weiß ich nicht, Einsatz von … von (? 00:21:55), Aufhängen, Tiere, also Hunde und Schweine. … Ganz private Treffen waren alleine mit einem der Männer, aber die waren eher selten. Meistens waren die beiden zusammen. … Größere Gruppen, der … Also …

I 1: Und wurden Sie da von Ihrem Vater dahingebracht oder …?

B: Ja. Er durfte nur teilweise nicht teilnehmen, weil er nicht … also nicht hoch genug war. … Also er musste dann oft den Raum verlassen.

I 1: Mhm.

B: Deswegen ja, dass er sich das dann zu Hause geholt hat. … Also wir sind oft dahingefahren mit dem Auto. (räuspert sich) Ich kenne die Wege auch noch. Also das kann ich abfahren, nach wie vor, zu den Orten. Oder halt abgegeben, in Empfang genommen, und dann ist er halt verschwunden. Also … ich hab das damals auch nicht wir… Also, ne? Das war für mich ja normal, dass wir dort ankommen, die Tür öffnet sich, … ich werde da durch die Tür geschoben und er verschwindet halt in einem anderen Raum. Und ich bekomme halt irgendwie, weiß ich nicht … Ich hab jetzt … Hab eine … Also ich hab eine Situation auch gerade therapeutisch noch mal … Die kann ich halt gut erzählen, weil die nichts mehr macht. … Das ist halt so eine Verbindung aus … aus … normal und auch Training. Da bin ich halt gekommen, ich wurde durch eine Tür geschoben. Das ist eins dieser Privathäuser gewesen. Das kannte ich auch. Hab in der Küche (räuspert sich) …, da muss ich sieben, acht, neun gewesen sein, das hat sich auch wiederholt, … Kekse bekommen, Kuchen und … Die hatten Haustiere, die hatten Kaninchen. Dann durfte ich die Kaninchen streicheln. Bis dahin fühlte sich das alles relativ normal an. Auf dem Weg dahin hatten wir angehalten, ich durfte Blumen pflücken, schöne Blumen, die hatte ich auch mitnehmen dürfen. … Nach den Kaninchen bin ich halt in einen Raum gebracht worden, wo mir vorgeworfen wurde, wie ich nur Kuchen essen kann so viel, wie verfressen ich wäre, wie schlecht ich wäre. Wo die Blumen zerstört lagen und wo das Kaninchen dann tot lag. Das hab ich durch … dadurch dass ich es angefasst hab, …

I 1: Mhm.

B: … getötet. … Und dass ich ja wüsste, was jetzt käme. … Und dann folgte halt so eine Mischung aus sexualisierten Handlungen und … und … und körperlicher Gewalt. Letztlich mit diesem: Wenn du Dinge schön findest, wenn du Dinge begehrst oder möchtest, oder vergisst, wer du bist, … ne? … So. (Pause) So konnte so ein Abend, Tag, so ein … so ein Turnus ablaufen.

I 2: … dann wirst du bestraft? Oder was kam dann?

B: Die Bestrafung kam ja dann.

I 1: Mhm.

I 2: Mhm.

B: Also erstens war das Kaninchen tot.

I 1: Mhm.

B: Es gab körperliche Gewalt in Form von Schlägen, Züchtigungen, auf die Knie gehen, geschlagen werden, Demut präsentieren, sexuellen Handlungen, schmerzhaften Handlungen. Strom hat gerne mal eine Rolle gespielt. Und alles, was mit Hängen zu tun hat. Also einer der beiden war Schmied. Der hat …

I 2: Mit Hängen?

B: Ja, der eine war Schmied, die hatten eine große Auswahl an Möglichkeiten. Also es war ein Jäger und ein Schmied. Also die kannten sich aus damit, …

I 2: Mhm.

B: … Fleisch aufzuhängen. Und das … Die Geräte waren einfach auch da. Dann hing man halt da an den Füßen, an den Armen. … Und ich finde es mittlerweile total schwierig halt, von sexuellen Handlungen zu sprechen, weil das …, ne? Das ist so absurd. Ich hab von Sexualität dann vielleicht eine andere Definition. Aber für die war das dann vermutlich …

I 2: Mhm.

B: Also das ist das, was man dann da drunter versteht. … Das hat dann halt eine bestimmte Zeit gedauert. Ich glaube, irgendwann hat das nicht mehr so eine Rolle gespielt, mich da drin noch zu trainieren. Sondern, ne?, ich denke mal, irgendwann ging es halt nur noch um deren Befriedigung, das auszuleben. Und das war halt dann irgendwann zu Ende. Und dann wurde ich halt wieder eingepackt und … dann haben die sich da noch einen getrunken und dann sind wir halt wieder nach Hause gefahren.

I 2: Mhm.

I 1: Mhm. …

I 2: Und … wenn Sie Verletzungen hatten …?

B: Hatte ich nicht.

I 2: Hatten Sie nicht, keine s… sichtbaren?

B: Also ich hab … Ich hab das gynäkologisch abklären lassen. Man … Also ich hab keine sichtbaren schweren Verletzungen mehr.

I 2: Mhm.

B: Also es ist nie was passiert, was jetzt … noch behandelt werden müsste.

I 2: Mhm.

B: Es gibt ein paar Narben. … Es gab eine Kinderärztin und die hat das versorgt.

I 1: Die war dafür dann zuständig.

B: Ist ja auch praktisch so, ne?

I 1: Da wurde dann …

B: Ja. Ich kann mich aber auch wenig an Verletzungen erinnern. Aber …

I 2: Mhm.

B: … ich kann mich eh wenig an meinen Körper erinnern.

I 2: Mhm.

B: Ich bin auch drauf trainiert, bestimmte Sachen nicht wahrzunehmen. Also auch mein … mein Schmerzempfinden ist unglaublich herabgesetzt zum Beispiel.

I 1: Ist bis heute so, ja. …

B: Von daher … Wenn, wird sich die Kinderärztin darum gekümmert haben.

I 1: Mhm. …

I 2: Hatten Sie denn … Hatten Sie irgendwelche normalen Beziehungen in Ihrer Kindheit? Also zu Freundinnen oder so?

B: Ja klar, zu meinem Vater, zu meiner Mutter und zu meiner Schwester.

I 2: Ja, ist klar.

B: … Ich hab Sport gemacht, ich hab Leistungssport gemacht. Ich hab … die meiste Zeit trainiert. Ich hatte einen Trainer oder ein Trainer-Ehepaar, die mich sehr gefördert hatten. Die müssen gewusst haben, was bei uns zu Hause ist. Das war stadtbekannt. Aber die haben, glaube ich, auf die Art versucht, irgendwie …

I 1: Das war deren Art zu helfen sozusagen, mhm.

B: Glaub schon, weil die haben mich sehr gefördert. Die haben halt … Das war aber dann schon auch mal, dass ich irgendwie zu einem Wettkampf kam und die Nacht dann auch … Ich bin … Da bin ich auch immer hin. Selbst wenn ich nachts draußen geschlafen hatte, bin ich dann halt von da aus dahin. Hm, hat er mir halt Geld gegeben, hat gesagt: Geh dir was zu essen zu holen und dann kommst du, und dann … ist Training oder Wettkampf, oder was auch immer. So, also es war normal. Die haben mich halt mitversorgt. Es war auch in der Schule normal, wenn ich Hunger hatte, bin ich halt in die Schulspeisung gegangen und hab da immer was zu essen bekommen. Also, ne? Alle wussten es irgendwie.

I 2: Mhm.

B: Aber … ich hatte halt Schulfreunde. … So. Wir haben halt denselben Quatsch gemacht wie alle anderen auch. Ich weiß, dass es eine Situation gab, dass … Da war ich so, ich glaube, 7. Klasse, 6./7. Klasse, da ist meine Mutter in der Schule aufgetaucht, weil sie meiner nicht habhaft werden konnte. Und da hat sich tatsächlich meine Klasse vor mich gestellt, innerhalb der Schule, und hat dafür gesorgt, dass meine Mutter nicht auf mich losgehen konnte.

I 2: Mhm.

B: Ne? Also es hatte … Diese Öffentlichkeit hatte das auch. Die ist auch in die Schule marschiert. Und in anderen Situationen hat sich halt keiner vor mich gestellt, und da hat die mich halt aus der Schule geschleift. Das hat auch keiner verhindert oder so. … Daher nehme ich an, dass auch meine Klassenkameraden das wussten.

I 2: Mhm.

B: Und ich dadurch … eine Sonderstellung irgendwie hatte. … Aber so richtig, man weiß … Es war mein … Es war ja mein normaler Alltag.

I 1: Mhm.

I 2: Ja, konnten Sie mal jemanden nach Hause bringen?

B: Doch, ich hatte viele Freunde zu Hause.

I 2: Ha… hat sie sich …

B: Meine Eltern waren auch als solche sehr beliebt

I 1: Mhm.

B: … für Partys. Also alle anderen fanden es bei mir zu Hause ziemlich cool.

I 2: Mhm.

B: Weil wir ja quasi alles durften. Das haben meine Eltern total gefördert. Also so, ne?, diese … diese Teenager-Partys, die haben alle bei mir stattgefunden. Und da gab es ordentlich Alkohol. Und meine Freunde fanden meine Eltern cool.

I 2: Mhm.

B: So. (räuspert sich) Für mich war das halt … Also gibt noch ganz viele Fotos aus dieser Zeit. Und ich stehe da immer und die haben halt bei mir zu Hause gefeiert so. … Ich … Im Nachhinein kann man dann fragen, warum das so war. Also warum meine Eltern das gefördert haben.

I 2: Mhm.

B: Keine Ahnung. … Mag ich auch nicht drüber nachdenken … so. Aber … ich hatte Freundinnen … Ich hatte zwei Freundinnen, wo ich auch öfter war. … Die eine Freundin hat, als ich das erste Mal sehr deutlich darüber gesprochen habe, was bei uns zu Hause passiert, … haben die mir die Wohnung verboten. Ich durfte dort nicht mehr hinkommen, ich durfte nicht mehr mit ihr sprechen. Die haben die Straßenseite gewechselt, wenn sie mich getroffen haben. Die waren … evangelisch und für die war das halt … Man verleumdet seine Eltern nicht. … Und eine andere Freundin von mir, die wurde bedroht von meiner Mutter. Die haben mich ein paar Mal versteckt. … Und die … Es gab eine Situation, wo ich quasi zu denen wollte, weil ich dort öfters hin bin, wenn ich … Ich bin halt mit so … 13, 14 hab ich halt schon irgendwann angefangen, wegzulaufen nachts.

I 1: Mhm.

I 2: Mhm.

B: Und da war meine Mutter dann immer … Die hatte immer so eine Brutalität, die hat die immer noch. Die hat irgendwie mit dem Feuerhaken zugeschlagen. Das …, ne? Das hat die auch nicht int… Also wenn man so … so einen Feuerhaken nimmt und damit mit aller Wut zuschlägt, dann denkt man nicht mehr darüber nach, ob man … einen Kinderkörper damit töten kann. Das war Zufall oder, weiß ich nicht, Training oder Übung einfach. Und dann bin ich halt schon manchmal einfach auch weg.

I 2: Mhm.

B: Durchs Fenster. Oder durch, ne?, … Die Tür war meistens abgeschlossen, aber … Und bin dann halt manchmal auch zu denen nach Hause gelaufen, quer durch die Stadt. Und dann bin ich halt da mal angekommen und hörte halt meine Mutter auf der anderen Seite schon ankommen. Mein Vater, obwohl die getrennt waren, haben ja auch immer zusammen nach mir gesucht im Zweifelsfall beziehungsweise diese Gruppe ist dann oft auch aufgetaucht, …

I 1: Mhm.

B: … wenn ich drohte abhanden zu kommen. Und hab halt gehört, wie die da im Haus nach oben gelaufen sind und die Mutter dieser Freundin halt bedroht haben. Und wirklich bedroht haben, sehr massiv bedroht haben. Ich bin dann noch mal hoch, und es war zu sehen. Ich bin da hoch, ich hab geklingelt, die hat mich angeguckt, und es war klar, die wird mich nie wieder reinlassen. Die kann mich …

I 2: Mhm.

B: … nie wieder reinlassen. Die hatte zwei Kinder. Die hat ein behindertes Kind zu Hause gehabt. Die war leichenblass und das war halt das letzte Mal, dass ich dort geklingelt hab.

I 1: Mhm.

B: Also ich bin, glaube ich, auch nur hoch, weil ich so … weiß ich nicht, ne? Aber es war … Ich wollte auch gar nicht mehr rein. Das war, glaube ich, nur noch mal … das Sich-Bestätigen oder so. … Und … ich hatte auch eine Lehrerin, also eben … Es gab halt zwei Lehrerinnen, und es gab eine Lehrerin, da war ich … weiß ich halt auch, die hat mir das dann gesagt … Meine Mutter ist da irgendwann hin und die haben die bedroht. Die haben der gesagt, wenn die nicht die Finger von mir lässt, wird es Folgen für sie haben. Da haben die sich auch … Da haben die kein Hehl draus gemacht. Und ich hatte später einen Therapeut in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, *(1986-1990), (Pause) der hat mir irgendwann auch gesagt: Ich werde dich nicht da drin unterstützen, dass du … aus der Stadt dort weggehst. Deine Mutter hat mir gesagt, sie zerstört meine Karriere, wenn ich das tue. Und es war auch so. Das glaube ich dem auch. Ich wusste ja schon … Ich hab ja schon selber gehört, (Wasser wird eingegossen) dass sie Menschen bedroht. Sie und eben die Gruppe Menschen bedrohen. Meine Mutter hatte unendlich Angst … Die hat wirklich beruflich Karriere gemacht. Die hatte Angst, dass das rauskommt. Die hat mir Jahre später mit Mord gedroht ganz offen. Die hat mich noch zusammengeschlagen, da war ich um die 20.

I 1: Mhm.

B: Ne? Und ich … Die hat irgendwie mal mitgekriegt, dass ich Therapie mache. Die stand anderthalb Stunden später vor meiner Tür, so schnell konnte ich meine Tür gar nicht wieder zumachen, da hatte die einen Fu… Fuß in der Tür und hat mich einfach nur zusammengeschlagen mit dem Hinweis darauf, dass ich keine Therapie zu machen habe. Die hatte unglaubliche Angst. … Von daher nehme ich an, also weiß ich, ne?, ich glaube, auch bis zu diesem Therapeuten, die hat Leute bedroht. … Und dann war es irgendwann …, ne? Also dann waren die auch weg. Dann gab es da keinen mehr. Es gab einen komischen Psychiater, da weiß ich, da bin ich ein paar Mal hin. … Ich würde heute meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, wer das war. Keine Ahnung. …

I 1: Wie war das denn … dann in dieser … in der Psychiatrie-Zeit? Was passierte denn dann da?

B: Ich bin in die Kin… Ich bin in die …

I 1: War das auch in demselben Ort noch oder …?

B: Nein, in der nächstgrö… Also in einer größeren Stadt quasi.

I 2: Mhm.

B: Ich bin auf die geschlossene Frauenstation eingewiesen worden, da war ich 15. Meine Mutter verabschiedete sich mit den Worten: Na ja, … und heute Nachmittag kommt jemand vom Kinderheim, der holt dich dann hier ab. Du pendelst jetzt zwischen Kinderheim und Psychiatrie. *(Geschlossene Frauenstation) hieß … Ziemlich viele Frauen, die da seit vielen Jahren waren. Das war das Irrenhaus, wenn man … also so …

I 2: Mhm.

I 1: Mhm.

B: Es war aber die beste Zeit meines Lebens. Ich hab das erste Mal nachts … Die haben dann … Die haben sich das angehört, die haben halt am selben Tag noch gesagt: Nichts ist, du bleibst hier. Die haben mir ein Bett freigeräumt und dann hab ich halt erst mal drei Monate dort zugebracht. War eine geschlossene Station, aber … war der sicherste Ort, wo ich je vorher war.

I 1: Mhm.

B: Ich hatte weiter, glaube ich, Täterkontakt. Das schon, das konnten die auch nicht verhindern. Aber … grundsätzlich war ich dann erst mal dort. Und die haben mich dann halt hier nach *(Großstadt 1) … verlegt quasi nach drei Monaten, … in die Kinder- und Jugendpsychiatrie, auch in *(Großstadt 1). Und da waren Gitter vor den Fenstern. Es gab so ein … Programm, so ein achtwöchiges. Wir durften … Wir mussten am Wochenende nach Hause fahren.

I 1: Sie mussten …?

B: Nach Hause fahren am Wochenende. Wir mu…

I 1: Ach so, mhm.

B: Wir wurden freitags entlassen. Und mussten nach Hause fahren. Bin dann halt immer die zweieinhalb Stunden wieder nach Hause gefahren. Und wenn es sehr schlimm war, durften wir Sonntag schon wiederkommen. (Pause) Und nach den acht Wochen war halt nichts repariert. Also so … und ich war dann insgesamt innerhalb von zwei Jahren über ein Jahr in der Psychiatrie. Also ich hab diese ganzen Einweisungen, ne? So vor Geburtstagen, nach irgendwelchen Feiertagen bin ich halt immer da gelandet.

I 2: Und zwar in welchem Zustand? Warum?

B: Teilweise suizidal. Teilweise einfach nicht mehr … Da steht dann immer drauf: in … in großer Krise.

I 1: Mhm.

B: Auf diesen Schreiben aus dieser Psychiatrie steht aber auch, dass ich renitent wäre, dass ich halt sehr konflikthaft meine Pubertät erleben würde.

I 2: Mhm.

B: Dass sich irgendwie … meine Eltern sich so sehr bemühen, aber mit mir halt …, ne? Ich wäre halt ein schwieriges Kind. So. Es gibt auch … Gibt ganz wenig Verweise darauf, dass ich dissoziativ bin oder dass es häufig Gewalt gibt.

I 2: Mhm.

B: Oder familiäre Gewalt oder sexuelle Gewalt. Das hat dort auch keinen interessiert.

I 1: Haben Sie es denn erzählt?

I 2: Ja.

B: Ja. Ich hab es erzählt und alle anderen, die da waren, auch. Aus dieser Gruppe von … neun Jugendlichen, die damals dort waren, die nicht so mitgelaufen sind, also wo das nicht … also wo das … die auch länger da waren, die länger als diese acht Wochen da waren, … davon waren fünf, wo es um sexuelle Gewalt ging. Und davon sind vier tot. Die sind einfach tot. Die haben sich in den Jahren danach alle suizidiert. Das war das Ergebnis. Da ist keiner mit umgegangen. Die Gruppen waren irgendwelche Körpergruppen, wo wir mit … Stöckchen auf irgendwelche Kissen einschlagen sollten und wir durften halt … Herkommen, Ursache, darüber hat keiner gesprochen. … (lautes Stühlerücken) War halt einmal vergewaltigt worden … in … in … also auf Trebe einfach. Das hab ich dort erzählt. Wollte halt nicht zum … Arzt.

I 1: Mhm.

B: Ich wollte mit meiner Geschichte einfach nach … danach nicht zum Arzt. Ich hab es, glaube ich, auch nur erzählt, weil … ja, weil es halt gerade passiert war und weil da irgendeine nette Schwester stand. Und dann wollte ich halt nicht zum Arzt, und das Ergebnis war: Ja, wenn du nicht zum Arzt gehst, … gab es keine Vergewaltigung. Und das war es. So. Und dann hast du da halt dann … Dann bist du diesem Programm gefolgt. Ich meine, dort gab es auch … Wir hatten … Als … als eine Therapiemethode gab es halt Wechselduschen. Das war halt ein Raum, der war so groß wie das Büro. Da waren Duschen an den Wänden und da musstest du dich unter die Dusche stellen. Da hast du eine Bürste in die Hand gekriegt und die Schwester hat sich vorne neben die Tür gestellt und hat das kalte Wasser aufgedreht. Und wenn du gewagt hast, unter der Dusche rauszugehen, bist du angebrüllt werden. Hier, runter! Und dann hat die das auf heiß gewechselt, und das hat die eine halbe Stunde gemacht. Also das war …, ne?

I 2: Mhm.

B: Da hat das keinen interessiert, ob wir von … von Gewalt zu Hause …

I 2: Mhm.

B: … erzählen oder …

I 1: Mhm. Also halbwegs sicherer Ort, weil es …

B: Die …

I 1: … der Ort eben war. Aber von der Sache her … hat gar nichts gebracht.

B: In der Kinder- und Jugendpsychiatrie nicht mehr. Also die drei Monate in dieser Frauenpsychiatrie, …

I 1: Mhm, okay, doch davor … Davor, mhm, okay.

B: … das war … Das … Die waren bemüht, aber letztlich war ich da komplett falsch.

I 1: Und haben Sie da auch darüber erzählt, was bei …

B: Ja.

I 1: … Ihnen zu Hause passiert ist? Und wie sind die damit umgegangen?

B: Die haben … Ich glaube, die dachten, dass die Kinder- und Jugendpsychiatrie in *(Großstadt 1) …

I 1: Mhm.

B: … eine gute Lösung wäre.

I 1: Mhm, mhm.

B: Ich glaube, die haben wirklich versucht, eine gute Lösung zu finden.

I 1: Hat jemand versucht, über eine Perspektive zu reden, dass Sie aus der Familie ganz rausgehen in, was weiß ich, eine Jugendhilfemaßnahme oder so was?

B: Hm also das Jugendamt … Ich bin in dieser Zeit, wo ich immer gependelt bin, nach … Es gab eine Situation, da … (mit brüchiger Stimme) bin ich nachts nach Hause gekommen, da war mein Vater gerade verstorben. … Bin in die Küche, bin ins Bad gegangen. Wir hatten halt echt dünne Wände. Und meine Mutter hat zu meiner Schwester gesagt: Wenn es diesmal nicht funktioniert, bringe ich euch beide um. Und ich hab es ihr geglaubt. Es war so glaubha… Ich war mir so sicher, dass das passieren wird. Das hat die ernst gemeint. Für die war …, ne? Der war tot, die kann … Die … die … die Wende war da, das zerfiel alles. Meine Mutter hatte Stasikontakte, die hat irgendwie geguckt, wo sie irgendwie …, ne?, wie sie selber irgendwie an die … an allen vorbeikommt. Und die hat das todernst gemeint in dem Moment. Und um meine Schwester zu schützen war dann klar: Jetzt gehe ich. Und bin ins … Also ich war vier Tage auf Trebe, gab bei uns im Haus eine Möglichkeit, auf dem Dachboden zu schlafen, das wusste keiner. Da haben sie mich auch nie gefunden. Und bin dann halt zum Jugendamt. Die haben mich versucht anonym unterzubringen und zwei Tage später stand meine Mutter da vor der Tür, hat gebrüllt. … Und die … Ich bin zu der Zeit noch einmal in der Woche in die Psychiatrie gefahren nach *(Großstadt 1). Und die Betreuerin hat mir dann morgens ein Ticket gegeben, ein Hinfahr-Ticket, sehr viel Geld, und Essen für die nächsten Tage.

I 2: Mhm.

B: Und hat gesagt: Tschüss. Da war ich 15, 16.

I 1: Wollten Sie auch loswerden sozusagen oder …

B: Die konnten nichts machen.

I 1: Mhm.

B: Ich glaube, die … Da war das Ding, weil, ne?, meine Mutter stand da vor der Tür und hat gebrüllt. Die hat damals … Das hat die auch nicht interessiert. Alle kannten die auch, die war ja Journalistin. Die hat sich dahingestellt auf die Straße und hat gebrüllt, dass sie mich rauszugeben hätten. Ich glaube, da waren alle … Also vielleicht … Ich glaube, manche waren überfordert, …

I 1: Mhm.

B: … weil sie gar nicht wussten, was sie damit machen sollen. Und weiß ich nicht, ich denke, beim Jugendamt waren einige, die hätten viel eher was m… was tun müssen. Die hatten bis dahin nichts getan, die haben ja dann die Akte geschreddert. Das war dann das, was sie getan haben. Nehme ich an. …

I 1: Mhm.

B: Und ich glaube, diese Betreuerin … Es war halt unglaublich viel Geld für mich, was die mir in die Hand gedrückt hat. Keine Ahnung. So. Es war nur klar, die erwarten nicht, dass ich zurückkomme. Und es war auch kein Ticket zum Zurückkommen. Und es gab auch keine Absprache, dass ich zurückkomme an dem Abend.

I 1: Was haben Sie dann gemacht?

B: Ich bin nach *(Großstadt 1), bin da in die Psychiatrie.

I 1: Mhm.

B: … Die wollten mich auch nicht mehr … aufnehmen. Da war dann auch klar, ich kann da nicht mehr hin zurück. … Ich kannte eine … eine Frau zu der Zeit, … und bin dann halt (mit brüchiger Stimme) quasi zu der gezogen. Das war so semiglücklich. … War halt angewiesen. Ich musste da halt bleiben. Deren Sohn hat mich ein paar Jahre missbraucht. Konnte aber auch nicht weg, die hat Geld für mich gekriegt vom Jugendamt. Meine Mutter hat irgendwann sogar unterschrieben, dass ich offiziell bei ihr leben darf. Die hatte das Aufenthaltsbestimmungsrecht an diese Frau abgegeben. …

I 2: Woher kannten Sie die denn? …

B: Aus diesem Klinikkontext.

I 2: Ah, okay.

B: Also die hat halt gesagt, ne?: Wenn du mal was brauchst, kommst du zu mir, ich rette dich dann. Und dann bin ich halt dahin. Wo hätte ich noch hingehen sollen? Also … weiß ich nicht, ne? Heute denke ich manchmal: Okay, so Treber-Sachen und so, ne? Das wusste ich auch alles nicht. Ich stand halt da vor dieser Psychiatrie, in der … vor dieser Kinderpsychiatrie, und alles, was mir einfiel, war die Telefonnummer von der. Dann hab ich die halt angerufen. …

I 2: Und das war dann so ein Pflegekind-Verhältnis praktisch, also …

B: Pflege, ja.

I 2: Mhm.

B: Mhm, die hatte halt einen Sohn. Das war nicht glücklich, das war auch nicht gut. Von da bin ich dann tatsächlich zweieinhalb Jahre später über das Jugendamt in *(Großstadt 1) in eine therapeutische Wohngemeinschaft gezogen. (Pause) Und da dann nach einem Jahr auch tatsächlich in eine eigene Wohnung.

I 2: Und da waren Sie dann wie alt, als Sie da ankamen?

B: In der eigenen Wohnung?

I 2: Mhm.

B: 19, 20 ungefähr.

I 2: Mhm. … Und hatten Sie dann irgendwas, einen Schulabschluss oder …?

B: Nein. Nein, hatte mein Abi geschmissen.

I 2: Mhm.

B: Halt ein … Ich hatte ein Praktikum angefangen bei einem sozialen Träger. Das war, glaube ich, dann das erste Mal so Normalität. Also das war plötzlich so außerhalb … Die wussten das auch nicht.

I 2: Mhm.

B: Die wussten auch nicht, warum ich manchmal samstags nicht da war oder, ne?, warum ich halt auf einer Party nicht aufgelaufen bin. Davon wussten die nichts. Ich bin halt regelmäßig weiter … nach Hause gefahren. (räuspert sich) Aber das war so der Anfang von …

I 1: … sich innerlich entfernen können.

B: So ein bisschen zumindest, und was ganz Neues kennenlernen. Also eben auch ein anderes …, ne? Menschen treffen mit einem anderen …

I 1: Mhm.

B: … Selbstbewusstsein, mit einem anderen Selbstverständnis. …

I 1: Und Sie sind auch weiterhin nach Hause gefahren, als Sie bei der Frau da gelebt haben?

B: Ja.

I 1: Okay.

B: Also ich hab sehr viele Jahre meine Schwester nicht sehen dürfen und wollte halt meine Schwester wiedersehen. Also, ne? Ich hab meine Schwester von klein auf beschützt. Ich hab immer gedacht, ich kann sie irgendwo schützen. Deswegen bin ich auch so lange geblieben. Ich bin nur noch oft zurückgefahren, weil meine …, ne?, mein Gefühl: Ich kann die da nicht alleine lassen. Das war auch später …

I 1: Mhm.

B: … zwischen uns, dass sie das ja auch gesagt hat. Sie hat sich so ausgeliefert gefühlt, ne? Ich war dann weg, teilweise hat meine Mutter halt das Schloss ausgetauscht und … hat auch Briefe abgefangen und so. Sie wusste sehr lange nicht, wo ich bin. … Der Vater, ihr … ihr leiblicher Vater war tot. Ihre …, ne? Wenn man im Nachhinein alles zusammensetzt, ihre gesamte Struktur war ja auch weg. … Und ich hab … Irgendwann hat meine Mutter mir halt angeboten, sie wiederzusehen. Und klar bin ich dahingefahren. Und von da an bin ich auch wieder regelmäßig hingefahren. Und kann mich im Normalfall auch an die Autobahnabfahrt erinnern. Runter und hoch. Und die Zeit dazwischen …

I 2: … ist weg.

B: Mehr oder weniger. Also man kann das rekonstruieren, ich hab Erinnerungen, die ich in diese Zeit einordnen kann. Wo ich halt weiß, das ging weiter.

I 1: Wie alt waren Sie da so ungefähr, als Ihr Vater, also der Adoptivvater, gestorben ist?

B: 16.

I 1: 16.

B: Oder 17, also so …

I 1: Und hörten dann die Kontakte zu dieser Gruppe auf?

B: Nein. … Mhm. (verneinend) Bin bis zum Schluss hingefahren.

I 1: Sie dann selber.

B: Ja.

I 1: Aber nicht durch Ihre Mutter, sondern selber oder …?

B: Hm es hat sich dann so ein bisschen getrennt. Mir ist nicht ganz klar, welche Rolle meine Mutter in dieser Gruppe gespielt hat, oder inwieweit die Kontakt hatten. Weil ich glaube, dass meine Mutter irgendwann schon Interesse daran hatte, dass das nicht auffliegt, weil sie einfach so … Meine Mutter ist … in … relativ weit oben in der Gesellschaft irgendwann angekommen. Die hatte echt Schiss, dass irgendwas davon auffliegen könnte. Dass irgendein anderer Pressemensch, ne?, rausfindet, dass sie ja gar nicht so sauber ist. Die war … also, ne? Die hatte auch Funktionen dann, wo das interessant gewesen wäre. Ich hab lange selber mit dem Gedanken gespielt, das auffliegen zu lassen einfach. … Und von daher weiß ich nicht, wie weit die mit dieser Gruppe auch zusammen noch geguckt hat, mit den Resten, weil sie ein Eigeninteresse daran hatte. … Die hat zum Beispiel so was gemacht, wenn ich kein Geld hatte und gesagt hab: Ich gehe, ne?, zum … zum … zum Jobc… zum Arbeitsamt oder, ne?, weil ich irgendwie … Beantrage irgendwie Arbeitslosengeld oder irgendwas. Dann hatte ich plötzlich Geld auf dem Konto. Mein Konto lief auch immer über ihre Hausbank. Und hatte ich dann plötzlich … plötzlich 2.000 Mark auf dem Konto. Damit kannst du nicht zum Sozialamt gehen und sagen: … Ich hab kein Geld. Selbst wenn ich das, ne?, versucht hätte, zurückzuüberweisen. War ja da.

I 2: Mhm.

B: Und das hat die dann auch regelmäßig gemacht. Die hat dann auch jede Woche einfach 500 Mark überwiesen.

I 1: Mhm.

B: So. … Von daher konnte ich auch gar nirgends wohin. Und dieses Zurückfahren … Ich war immer auch bei ihr. Aber ich war halt eben nicht nur bei ihr, sondern ich hab halt auch bis zu einem gewissen Zeitpunkt … zwei dieser Männer eben regelmäßig noch wiedergetroffen. …

I 1: Und mhm, seit wann ist das klar, dass Sie eine dissoziative Störung haben?

B: Seit *(sechs bis zehn) Jahren. Ich hab vorher … Also ich bin …

I 1: Wie alt sind Sie jetzt?

B: … *(36-40).

I 1: Ach, okay.

B: Ich hab mit Ende 20 … Ich hab dann tatsächlich eine Ausbildung gemacht. Ich hab angefangen zu arbeiten … und bin mit Ende 20 psychisch komplett zusammengebrochen. Also in dem Moment, wo eigentlich viel gut war.

I 2: Mhm.

B: Ich war aber eben immer noch … Ich war auch hier in *(Großstadt 1) in einem Konstrukt, das sehr gewalttätig war. Und bin mit Ende 20 richtig zusammengebrochen und hatte halt … eine Freundin zu der Zeit, die dann gesagt hat: … So … so geht es halt nicht. Also bin einfach auch von quasi noch mal neuen Tätern vergewaltigt worden. Das hat die halt mitgekriegt. Und darüber hier in die Psychiatrie und einen Therapeuten geraten, der dann gesagt hat: … Wenn du das jetzt alles zusammen … Die wussten nicht viel. Ich hab, glaube ich, einen Bruchteil davon erzählt.

I 1: Mhm.

B: Und trotzdem war halt klar, die haben das erste Mal die dissoziative Identitätsstruktur diagnostiziert. Und ab da hab ich sehr gezielt daran gearbeitet. Also hab mich dann als Erstes anonymisiert, also komplett. Ich bin von heute auf morgen umgezogen, hab alle Verträge, soweit ich konnte, gekündigt. Meine Familie hat meine ganzen Dokumente normalerweise bei sich behalten.

I 1: Mhm.

B: Also ich hatte eh nichts. Ich hatte auch nicht mal einen Reisepass bei mir. Das hatte alles meine Mutter. Und meine Urkunden, das hatte ja alles meine Mutter, die Verträge. Gab eine Versicherungsmaklerin. Immer, wenn ich irgendwie …, ne?, wenn ich was hatte, rief die mich halt an. So, unterschreib hier, unterschreib da. Das war alles dort. Das hat mich auch in dem Alter … Weiß ich nicht, man kümmert sich in dem Alter eh nur so bedingt drum. Aber später war halt klar: Ich hab gar nichts in der Hand.

I 2: Mhm.

B: Gar nichts. Also auch ke… nichts. Und hab das halt alles quasi soweit es ging gekündigt. Und habt mir dann auch überlegt, … es ist letztlich egal, … was … Also ich hab dann … Es gab so einen Punkt, da war es mir auch egal. Und war dann weg, von heute auf morgen. Also es gab mich plötzlich nicht mehr. Und hab dann neu angefangen. Freunde von mir haben eine Wohnung gemietet, wo ich mit eingezogen bin, wo ich bis heute nicht gemeldet bin als Hauptmieter.

I 1: Mhm.

B: Und ich hatte eine Auskunftssperre, ich hab eine Namensänderung. … Ich hab das Telefon zerstört.

I 1: Mhm.

B: Hab mich von Freunden … Also es gibt noch eine Freundin quasi davor. Hab mich bei niemandem mehr gemeldet. … Und hab halt neu angefangen oder versucht, neu anzufangen. Und hab ab da dann halt auch gezielt Traumatherapie gemacht. Und meine Mutter hat da immer noch mal dazwischengefunkt, aber … aber dem Zeitpunkt war halt Ruhe.

I 2: Also das war … auch vor ungefähr *(sechs bis zehn) Jahren dann.

B: Mhm.

I 2: Mhm.

B: Also es gab den Zusammenbruch, dann gab es so einen Versuch von Therapie. Da hat dann meine Mutter, ne?, so Postkarten geschickt: Sollte es etwas geben, was dich sehr belastet, dann denke doch darüber nach, ob es dein Leben noch wert ist. Zu meinem Therapeuten halt gesagt … Und da hatte ich einfach Glück. Ich saß mit dieser Karte da …

I 2: Mhm.

B: … und da kam die Therapeutin rein und hat das gelesen und war halt … erschrocken.

I 1: Mhm.

B: Ne? Weil da stand … Das war eine Aufforderung zum Suizid.

I 2: Mhm.

I 1: Mhm.

B: Und da hat halt irgendwie das erste Mal gesagt: … Nein. Nein. Und ab da hatte ich einfach plötzlich auch ein Umfeld, die plötzlich zu mir gesagt haben … Die das ernst genommen haben, die damit auch umgegangen sind. Die mit mir dann diesen ganzen Weg angefangen haben. Hab OEG beantragt, hab das OEG vor zwei Jahren eingestellt. …

I 1: Was meinen Sie mit …

I 2: Mhm.

I 1: … eingestellt?

B: Warum?

I 1: Nein, was meinen Sie damit jetzt genau?

B: Das OEG-Verfahren.

I 1: Haben Sie … War nicht erfolgreich und …?

B: Der Richter hat angekündigt, … meine Mutter nicht zu befragen, … weil er sich damit nicht befassen wird, mit der innerfamiliären Gewalt. Es gab eine Strafanzeige wegen Vergewaltigung hier in *(Großstadt 1). Deswegen konnte ich das OEG-Verfahren ja hier in *(Großstadt 1) stellen. Ich hätte das in meinem Heimatort nicht gestellt.

I 2: Mhm.

B: Also es hätte keinen Sinn gemacht. Das Papier wäre wahrsch… Also, ne? Meine Mutter kennt da jeden. Das war halt mein Glück letztlich, dass ich sagen konnte, die letzte Straftat war in *(Großstadt 1).

I 1: Mhm.

B: Und er hat halt gesagt, er verhandelt, wenn überhaupt, im Rahmen des OEGs nur diese letzte Straftat. Der Typ ist in der rechten Szene hochaktiv und der …

I 1: Der Richter? Wer jetzt, der Richter?

B: … Richter … Nein, der … der Täter.

I 1: Ach so, der Täter, Entschuldigung.

B: Und der Richter hat halt zu mir gesagt: Na ja, Namensänderung und so, kann er mir nicht versprechen, also würde er jetzt nicht die Hand für ins Feuer legen, dass er das alles anonym hält.

I 1: Mhm.

B: Und meine Mutter würde er nicht einladen und … innerfamiliär interessi… Also so. Und dann hat mir die Anwältin geraten, das einzustellen, weil sie gesagt hat, sie kann mir einfach nicht zusichern, …

I 1: Mhm.

I 2: Mhm.

B: … dass das sicher bleibt.

I 2: Mhm.

B: Und zu dem Zeitpunkt … Ich hab inzwischen studiert, ich hab einen Job, ich hab …, ne? Ich hab ein anderes Leben auch. Und mir war … Das war es mir halt dann nicht mehr wert.

I 1: Mhm, ja.

I 2: Okay.

B: Also ich hatte wirklich auch Angst noch mal. Und … ja. … So. …

I 2: Was ist denn für Sie … Oder k… also ich meine, (B schmunzelt) eigentlich sowieso schon klar, aber … doch vielleicht noch mal in mehr Einzelheiten, was … was ist davon für Sie heute noch spürbar? (B atmet laut aus, räuspert sich) …

B: Hm. (räuspert sich) (Pause) Ich hab lange damit gekämpft, dass die *(staatliche Versicherungsgesellschaft) mich berufsunfähig schreiben wollte. Ich hab versucht … hab da fast gegen klagen müssen. Ich hab heute ein Studium ab… ein Studium abgeschlossen, ich hab einen Job. … So. Da ist es nur insofern spürbar, dass es manchmal, ne?, dass halt jemand fragt oder dass ich halt immer gucken muss, dass nicht auffällt, dass in meinem Lebenslauf sehr viel fehlt.

I 2: Mhm.

B: Wenn der sagt: Was hast du denn in den *(sechs bis zehn) Jahren gemacht?

I 2: Mhm.

B: Ach, weißt du … Also so. Da ist es manchmal spürbar, weil ich versuche, da so drüberzugehen.

I 2: Mhm.

B: Andererseits weiß ich halt, ich hab das geschafft.

I 1: Mhm.

I 2: So auch … Sie meinen, so in privaten Gesprächen oder …?

B: Nein, auch bei Arbeitgebern, wenn man sich bewirbt. Ich meine, ne?, mit einem gewissen … Jetzt ist es so, jetzt kann ich halt Unterlagen einreichen, …

I 2: Mhm.

B: … wenn ich mich bewerbe. Da fragt jetzt keiner mehr … So. Und da guckt auch keiner mehr drauf: Wann war denn das Studium eigentlich, ne?

I 2: Mhm.

B: Ne? Jetzt gebe ich meine Ausbildung, meine erste, die gebe ich nicht mehr mit ab. Weil da … da wird deutlich, ne?, da ist irgendwie eine total große Lücke. Und da hab ich …

I 2: Mhm.

B: Da kann ich nicht viel angeben. Also ich hab Freunde, die mir da ein bisschen geholfen haben und …, ne?, dass das nicht ganz so auf… auffällt. Aber so da … da weiß ich halt, da fällt es nur noch mir auf, weil ich weiß, dass ich damit umgehen muss.

I 2: Mhm.

B: … Psychisch fällt es mir halt … ist es halt Teil meines Alltags. Ich hab die dissoziative Identitätsstruktur. Hm ich mache Therapie. Ich hab (Pause) … Es gibt halt einen sehr stabilen Alltag und es gibt halt daneben ein tägliches irgendwie damit Umgehen. Ich gehe halt auch zur Arbeit, wenn ich nachts Flashbacks hatte.

I 2: Mhm.

B: Ich gehe auch zur Arbeit an bestimmten Feiertagen. Ich melde mich halt nur krank, wenn es gar nicht anders geht. … Ich arbeite in einem Bereich, wo ich nicht möchte, dass das bekannt ist. Wo ich aber … erklären muss, warum ich zu bestimmten Tagen eben nicht arbeiten kann. … Ich mache mir sehr viele Sorgen um meine Therapiefinanzierung. Also ich gehe teilweise arbeiten, um meine Therapie zu bezahlen. … Ich kann ohne Therapie den Alltag nicht gestalten. Also ich bin angewiesen auf etwas, was mir aber eigentlich nicht leisten kann.

I 2: Mhm.

B: Und es … Das ist sehr präsent einfach. … Ich lebe immer noch in einer anonymen Wohnung. (Pause) Ich hab körperlich … Ich hab orthopädisch relativ viele Folgen, die sich jetzt zunehmend bemerkbar machen.

I 2: Mhm. …

B: Kann dann halt aber dem Physiotherapeuten nicht sagen: Ja, das ist von dem Vater damals. Und dann erzähle ich halt, keine Ahnung, irgendwas.

I 2: Mhm.

B: Halt so. Aber ich weiß es ja.

I 1: Mhm.

B: Ich hab eine Orthopädin, der ich kaum erklären kann, warum ich komische Sachen habe.

I 2: Mhm.

B: Ne? Die halt sagt: Das ist in Ihrem Alter … Ich kann mir das nicht erklären.

I 2: Mhm.

B: Und ich kann ja dann schlecht sagen: Na ja, ich kann Ihnen das schon erklären.

I 2: Mhm.

B: … Also das ist jetzt was, was in den letzten Jahren deutlicher wird, dass ich körperlich Folgen hab, die vor fünf oder zehn Jahren für mich noch gar nicht so spürbar waren. (längere Pause) Ich … ich lebe anonym, nach wie vor. Also das wirkt für alle von außen, glaube ich, ne?, … ist das gar nicht so sichtbar. Aber da, wo die anderen Weihnachten nach Hause fahren, fahre ich nicht nach Hause. Da, wo die anderen von ihren Geschwistern erzählen, die Geburtstag haben und von ihren Neffen, …

I 2: Mhm.

B: … versuche ich halt nicht aufzufallen. Da, wo, weiß ich nicht, die anderen Geburtstag haben und die Mama anruft, …, ne?, weiß ich halt, bis vor drei Jahren war mein Geburtstag … Ich war auf S… Suizid geschaltet zum Geburtstag.

I 2: Mhm.

B: Ich hab bis vor drei Jahren jeden Geburtstag Hilfe gebraucht, damit ich mich nicht umbringe. … (atmet laut aus) …

I 2: Können Sie denn … Können Sie denn dauerhafte Beziehungen … eingehen? Freundschaften, … irgend …

B: Ich hab einen großen Freundeskreis. … Auch einige Freunde, die mich seitdem begleiten, die das wissen.

I 2: Mhm.

B: Die das manchmal auch vergessen. Also es gibt so ein … Ich glaube, ich hab ziemlich viel Glück damit. Also, ne?, so …

I 2: Mhm.

B: Die dann auch mal sagen: Hey, ich hab neulich überlegt, wie du früher hießt, ich hab’s vergessen.

I 2: Mhm.

B: Wo ich dann denke: Ja, komm, ist auch gut.

I 2: Mhm.

B: Ne? Ist gut, dass du es nicht mehr weißt. Ich weiß es noch, aber …, ne? So das … Da merke ich, für die ist das mehr Normalität geworden. Also …

I 2: Mhm.

B: … die sind zur Normalität sehr zurückgekehrt. Das kann ich nicht. Oder nicht in der … in dem Maße. … Eine … eine … eine lebenspartnerschaftliche Beziehung oder partnerschaftliche Beziehung ist schwierig.

I 1: Mhm.

B: Also … Kinder … hätte ich gern gehabt.

I 2: Mhm.

B: Musste ich neulich einem Arzt … Ja, warum haben Sie denn keine Kinder? Was sagt man da? … So. Und das finde ich schon … Das finde ich halt … Ich … ich … ich mag nicht dasitzen und sagen, ne?, ich war Opfer und jetzt ist alles futsch.

I 2: Mhm.

B: Dann hätte ich mich umbringen können. Also, ne?, dafür …

I 2: Mhm.

B: … hab ich nicht … Dafür hab ich nicht … Dafür hätte ich nicht weitermachen müssen. Ich mag halt irgendwie … Die Dinge, die ich jetzt tue, ne?, die sollen eben einen Sinn haben.

I 2: Mhm.

B: Und trotzdem ist das schon … Das sind schon so Momente, wo ich denke: Ja, ne? Was wäre denn gewesen, wenn ich mit 18 Abitur gemacht hätte?

I 2: Mhm.

B: Und mit 22 mit dem Studium fertig gewesen wäre und auch ein Jahr ins Ausland gegangen wäre und …, ne? Wenn ich mit 29 ein Kind adoptiert hätte und, …

I 2: Mhm.

B: … keine Ahnung, ne?, ein Haus gebaut oder was auch immer. Hab neulich meinen Rentenbescheid gekriegt. Pff … also, ne? Wenn ich … wenn ich Rente kriege, … kann ich vergessen. Und ich werde nichts erben. Also so. Das sind schon so Momente, wo ich weiß: Okay, ja, klar, das wird bis zum Ende irgendwie Folgen haben. Aber ich mag es halt nicht als … als Mittelpunkt haben. So, ich mag halt dann irgendwie auch über Kinderfragen … Klar denke ich darüber nach und dann denke ich halt: Okay, meine beste Freundin hat immer gesagt, mensch, als Patentante …, ne?

I 2: Mhm.

B: Bin ich halt Patentante. Und das ist … Das ist nie dasselbe, aber es ist halt …, ne? Ich hab halt so ein Umfeld, die dann versuchen zu sagen: Komm, …

I2: Mhm.

B: An der Stelle oder an der Stelle. Ich hab Neffen, die hab ich noch nie gesehen. … So.

I 2: Mhm.

B: Ne? Ich hab die Kinder meiner Schwester … Die hat vier Kinder mittlerweile. Oder die hat sich zum Beispiel gemeldet vor einem halben Jahr. … Weiß nicht, woher sie meine Nummer hatte, die ist nach wie vor anonym, aber …

I 2: Mhm.

B: … wir hatten Kontakt. Und ich hab das halt abgebrochen. … Weil meine Schwester halt sagt, … sie versteht es nicht. Sie …, ne? Sie lebt aber dort mit meiner Mutter weiter. So. Musste halt irgendwann entscheiden: Ich breche das wieder ab. Das …

I 2: Mhm.

B: … bringt mir nichts. Fand ich total schlimm, ein zweites Mal das abzubrechen.

I 2: Ja.

I 1: Mhm.

B: So, ich hab einmal Fotos jetzt gekriegt von den ganzen Kindern, die jetzt älter sind. Oder, ne?, von zwei Kindern, von denen wusste ich nichts.

I 2: Mhm.

B: Das ist halt … spielt schon eine Rolle im Alltag, wenn die anderen dann …, ne? – Ah, ich war am Wochenende bei meinem Bruder.

I 2: Mhm.

B: Und ich denke: Hm. Mhm. Aber … ich glaube, es hat … es hat mehr Folgen als ich so wahrhaben will in meinem Alltag. Schon allein die dissoziative Identitätsstruktur ist eine Folge dessen. So. … Es fängt da an, wo jemand sagt: Ja, du weißt schon wieder nicht, dass wir da gestern drüber geredet haben, ne? Okay, es passiert einmal, es passiert …

I 2: Mhm.

B: … jedem mal, dass er es vergisst. Aber wenn man mir das sagt, erinnert mich das halt daran, dass meine Psyche irgendwie anders funktioniert.

I 2: Mhm.

B: Nach wie vor anders funktioniert. Oder weiß ich nicht, alle gehen nach Hause und ich gehe auch nach Hause und … sitze halt dann drei Stunden in der Küche, weil ich Flashbacks hab.

I 1: Mhm.

B: So. Und dann stehe ich halt morgens auf und gehe zur Arbeit. Dann erzählen die anderen halt, was weiß ich, dass sie abends Fernsehen geguckt haben.

I 2: Mhm.

B: Und ich sitze daneben: Ja, mhm. … (räuspert sich) So. Aber … (längere Pause)

I 1: Wie oft machen Sie denn Therapie?

B: Im Moment?

I 1: Mhm.

B: … Ein- bis zweimal die Woche.

I 1: Mhm.

B: Das endet aber demnächst.

I 1: Finanziert das jetzt gerade noch die Krankenkasse oder …?

B: Momentan die Krankenkasse, ich hatte Geld über den Fonds. Das reicht halt einfach nicht. Jetzt hab ich noch mal Kassenstunden und danach … ist da niemand mehr. Keine Ahnung. … Weiß ich nicht.

I 1: Das bräuchten Sie, mhm.

B: Theoretisch. Und die Kasse sagt halt, ne?, 80 Stunden, 100 Stunden. Ich meine, Fonds, 10.000 Euro, das hat nach total viel Geld geklungen.

I 1: Mhm.

B: Ich hab 10.000 Euro in Therapiestunden gedeckt … -steckt.

I 1: Alles.

B: Und ich war nicht zum Therapeutischen Reiten und ich bin damit auch nicht …

I 1: Mhm.

B: Hab einfach nur Therapie bezahlt. Das reicht nicht. Meine Therapeutin sitzt immer da und sagt: Ne? Programme, da müssen wir ran. Weiß ich nicht. Jetzt ist halt … Es gibt bei mir ein Programm, das ist mit Licht gleichgeschaltet. Jedes Jahr im Frühjahr, wenn alle rausgehen und sagen: Hey, … toll, ne?, Sonne scheint draußen. Dann stehe ich da und ich … ich … ich versuche nicht zu sagen, dass ich mit meinem Hund nachts spazieren gehe, weil ich tagsüber nicht rausgehen kann, weil das Licht bei mir Todesängste ausfü… auslöst. Weil ein Teil der Folter einfach unter sehr ausgeleuchteten Bedingungen stattgefunden hat und mich dieses Licht daran … Das triggert einfach. Ich kriege Todesangst. Und alle um mich stehen da und sagen: Hey, ist Frühling, ist toll, schön.

I 2: Mhm.

B: Komm, lass uns was machen. Und ich denke: Mhm, kannst heute Abend um elf mit mir spazieren gehen. So. Und sie sagt: Ja, ne?, da müssen wir was machen. Und ich denke mir: Wann denn? Mit wem denn? Wo soll ich denn das machen? Das interessiert die Kasse nicht, ne? Flashbacks, ich bin … habe Flashbacks. Und ich bin total froh, wenn ich dann zu meiner Therapeutin gehen kann. Das ist demnächst vorbei. … So, ne? Und dann denke ich schon an den Richter, der gesagt hat: … Nein. Und die … an die Anwältin, die gesagt hat: Komm, wir stellen es ein, ich kann Ihnen keine Sicherheit garantieren. Ne? Vom OEG, vielleicht hätte ich ja was gekriegt, womit ich hätte meine Therapie bezahlen können.

I 2: Mhm.

B: Aber da gab es halt einen Richter, den keiner kontrolliert, wo keiner draufguckt und sagt: Herr Richter, ist das wirklich, ne?, Ihrem Amte würdig? So. Und da kann ich auch nicht später hingehen und sagen: Ich hab es mir noch mal überlegt, jetzt hab ich die Kraft, dagegen anzugehen.

I 2: Mhm.

B: Jetzt hab ich die Kraft, es auszuhalten. Und dem Richter zu begegnen und das einzufordern, dass er sich damit beschäftigt. …

I 1: Haben Sie mal überlegt, das anzuzeigen?

B: Ich hab … Ich war bei einer Anwältin, ich hab alles abgefragt. Den Richter anzuzeigen?

I 1: Nein.

B: Die Mutter.

I 1: Ja.

B: Den Vater. Ja, ich hab …

I 1: Ja.

B: … alles abgefragt. Es ist alles verjährt. Der Totschlag, also der versuchte Totschlag wäre nicht verjährt gewesen, den hätte ich noch anzeigen können damals. Es ist verjährt. Ich kann davon doch nichts anzeigen. Ich bin mit ihr alles durch. Ich hab wirklich … Ich hab einen Zettel, ich hab alles gewusst. Ich wusste … Abstrakt angedeutet und sie hat draufgeguckt und hat gesagt: verjährt, verjährt, verjährt, verjährt.

I 2: Mhm.

I 1: Wann war … wann … wann war denn das? Auch so vor diesen *(sechs bis zehn) Jahren oder …?

B: Mhm (verneinend), nein, das war vor fünf oder sechs Jahren.

I 2: Fünf, sechs Jahren.

I 1: Mhm. Und vorher waren Sie noch gar nicht in der Lage sozusagen, da (Pause, unterdrücktes Stöhnen von B) das anzugehen?

B: Nein. … Also das OEG-Verfahren war so … Ne? Im ersten Moment dachte ich halt, das ist es jetzt. Das ist so … Das hat … das hat mich auch Kraft gekostet.

I 1: Klar.

B: Ich hab Schweigegebote, ich hab irgendwie …, ne? Alleine, wenn da jemand sitzt und das irgendwie wissen will, das war schon irgendein Akt. Und ich dachte halt, mit dem OEG … Darauf hab ich mich dann konzentriert. Auf Strafanzeige, die anzeigen …? Und als ich dann gedacht hab: Okay, jetzt ist ein Moment, das anzuzeigen, jetzt …, ne? Jetzt spielt das für mich auch eine Rolle, jetzt bin ich kopfmäßig auch da.

I 1: Mhm.

B: Und dann hat die halt da draufgeguckt und hat gesagt: Nein, kann man nicht mehr. Wenn sie …

I 2: Mhm.

B: … tot wären, könnten Sie jetzt anzeigen. Ich denke: Ja, mhm … Kann man nicht mehr. Finde ich schlimm. Also … Ist … Also heute würde ich anzeigen. Wenn ich … Ich hätte auch vor fünf Jahren angezeigt.

I 2: Mhm.

B: Wenn die gesagt hätte, es gibt eine Möglichkeit. …

I 1: Ist das … einer der Gründe, weswegen Sie sich zur Anhörung gemeldet haben?

B: Ja.

I 1: Auch um …

B: Ja.

I 1: … um …

B: Ich finde …

I 1: … was zur Verjährungsfrist zu sagen?

B: Ich finde, dass die Verjährungsfristen abgeschafft gehören.

I 1: Mhm.

B: Weil sie den Opfern und der Situation von Opfern nicht gerecht werden. Ich finde, dass die OEG-Verfahren in andere Hände gehören.

I 1: Mhm.

I 2: Ja.

B: Finde ich total schlimm. … Also so das sind … Persönlich ist für mich die Anhörung …, ne? Ich brauche das nicht, ich muss das niemandem erzählen.

I 1: Mhm.

B: … Aber dafür, finde ich, ist es wichtig. Also ich sehe das auch relativ kritisch, auch mit dieser Kommission. So, ich hab … So.

I 1: Mhm.

B: Aber ich finde, das ist ja nun dann mein Moment, wo man es noch mal sagen muss. Angehört werden muss.

I 1: Mhm.

B: Und das, finde ich, sind zwei Punkte, die ich superwichtig finde. Und das Dritte ist für mich halt dieses …, ne? Meine Mutter überweist dann halt Geld. Und dann kann ich nicht zum Amt gehen und sagen: Ich möchte Hilfe. Solange es halt das Subsidiaritätsprinzip gibt und das Amt sagt: Nein, Mutter ist ja für Sie zuständig und Mensch, die hat auch schon Geld überwiesen – kommt man da nicht raus. Man hat keine Chance, …

I 1: Mhm.

B: … sich von denen loszusagen. Man kann nicht zum Amt gehen und sagen: Hören Sie zu, es gibt familiäre Gewalt, …

I 1: Mhm.

B: … ich möchte mit denen nichts zu tun haben.

I 1: Mhm.

B: Ich lebe schon anonym. Ich möchte …, ne? Das passiert dir ja. Du gehst zum Amt … Das war schon selbst, als ich anonymisiert war.

I 1: (? 01:03:25), mhm.

B: Und dann haben die halt gesagt: Na ja, Sie haben ja Eltern. Hab ich gesagt: Ja, aber ich hab Ihnen doch mitgeteilt, ne? Ich hab Ihnen meine Auskunftssperre gezeigt, meine Unterlagen zur Namensänderung. Ich hab ein Schreiben von meiner Anwältin dabei, von meiner Therapeutin, das, was da vorgefallen ist, grob.

I 1: Alles nichts genützt.

B: Ja, wir müssen Ihre Eltern anschreiben. Und da hab ich gesagt: Ja, Entschuldigung, … können Sie …, ne? Nein, sie schreiben meine Eltern an. Ich hab das dann da durchgesetzt … soweit. Ich hab das dann …, ne? Es ging dann irgendwie. Ich hab Jahre später erfahren, dass das natürlich nicht anonym bleibt. Aber, ne? Und ich …

I 1: Haben die die Eltern dann angeschrieben?

B: … Die haben meine Eltern nicht anschreiben können, weil ich den Namen nicht angegeben hab.

I 1: Mhm.

B: Aber die wollten mir halt keine Leistungen auszahlen, wenn ich den Namen nicht angebe.

I 1: Mhm.

B: Und ich hab dann halt drauf bestanden. Und irgendwann hat …, ne? Irgendeiner hat dann mal unterschrieben.

I 1: Endloser Kampf, dann durchgesetzt.

B: Ich hatte dann irgendwie Glück, weil mein … mein Buchstabe von meinem Namen war die Zuständigkeit von der, die auch die Frauenhäuser betreut, ne? Und die hat da draufgeguckt und hat gesagt, sie unterschreibt das jetzt. Ihr ist das zu blöd. Aber ich weiß von anderen, da funktioniert das nicht.

I 1: Mhm.

B: Ich hab eine Freundin, die gilt als behindert. Da ist das bis zum Lebensende so. Die kommt da nicht weg, ne? Die schreiben noch heute die Eltern an, wenn die irgendwas beantragt.

I 1: Mhm.

B: Also so, und das sind so drei Dinge, wo ich denke: Ja, wenn das ein Ergebnis dessen wäre, oder irgendwas davon wenigstens angeschaut und eigentlich auch verändert würde, so, dafür komme … Also dafür bin ich tatsächlich hier. Alles andere, das Private … Klar, ich finde es auch wichtig. Ich finde auch wichtig … Ich hab mal mit einer Filmemacherin gesprochen, die hat sich meine Sachen angehört und die wollte das, ne?, in einem Film verarbeiten und hat das ihrer Produktionsleiterin vorgespielt. Und die hat gesagt: Das, nein, nehmen wir nicht, das ist ein Ausnahmefall, ist ein Sonderfall. Und überhaupt, nein, das können wir nicht bringen.

I 1: Mhm.

B: Das war …, ne? Und damit ist das Material verschwunden. Und ich weiß ja, dass ich … Ich bin kein Sonderfall, ich bin auch kein Einzelfall. All diese Sachen … Ich kenne ganz viele und … das ähnelt sich. Ich hab sogar eine Frau kennengelernt, die kommt aus demselben Täterkreis, nur zehn Jahre später. War ja auch da nicht die Letzte. Die hat Sachen erzählt und irgendwann dachte ich: Hm, wir reden von denselben. Weil wir haben es überprüft, selbst die Orte haben sich gedeckt. … So. Und die war einfach zehn Jahre jünger als ich. (Pause)

I 1: Mhm. (längere Pause) Mhm, dass Sie nicht die Einzige sind, das stimmt. (beide schmunzeln)

B: Ja, ich …

I 1: Ja, das …

B: … bin da recht aktiv in dem Bereich.

I 1: Mhm.

B: Von daher weiß ich es auch, aber …

I 2: Haben Sie … Also Sie … Sie … haben ja offensichtlich schon vielfach von … vor suizidalen Momenten gestanden. Was sind die persönlichen Ressourcen, die es Ihnen ermöglicht haben, so viel auch zu überwinden und ein Studium zu machen und abzuschließen und sich (Pause) … Um dieses anonymisierte Leben zu führen, was ja auch schon eine Belastung für sich … ist, kann ich mir vorstellen?

B: Hm (Pause) ich glaube, ein Teil der Ressourcen ist soziales Umfeld, also Freunde.

I 2: Mhm.

B: Schon auch mal Therapeuten, … die halt dann aber an ihre Grenzen kommen. Aber viel einfach auch so Freunde.

I 2: Mhm.

B: Die viel mitgetragen haben. … Ne? Eben drei Freunde zu haben, die sagen: Komm, wir mieten jetzt zusammen eine Wohnung, du ziehst mit ein.

I 2: Mhm.

B: Und einer von uns nimmt … Die ersten Jahre war einer immer da.

I 1: Mhm.

B: So. Durfte ja auch die Tür nicht aufmachen. So. Das ist … das ist …

I 2: Mhm.

B: … unglaublich gewesen. Das ist mittlerweile nicht mehr so, aber … mhm. (Pause) Das mit dem Studium war, glaube ich: Sinn brauchen. Also irgendeinen Sinn da drin für mich auch brauchen.

I 2: Mhm. (Pause)

B: Menschen zu haben, die sagen: Wir machen das jetzt. Und beim *(stattliche Bildungsförderung)-Amt Glück zu haben. Die hat dann irgendwann gesagt: Ich verstehe das alles nicht, aber ich unterschreibe jetzt Ihren *(staatliche Bildungsförderung)-Antrag.

I 2: Mhm.

B: Lassen Sie das unausgefüllt. So. Ne? Das war halt Glück.

I 2:

B: Sonst hätte ich ja nicht studieren können in dem Moment. (Pause) Ich glaube, wenn man mehrfach entscheidet, ob man sich umbringt oder nicht, … und eben Freunde hat, die sich umgebracht haben, … dann ist das irgendwann so, ne? Entweder machst du das dann auch, weil das ja … Das ist so naheliegend.

I 2: Mhm.

B: Und wenn du es nicht machst, kannst du aber nicht zu Hause sitzen und nichts tun.

I 1: Mhm.

B: Das geht nicht.

I 2: Mhm.

B: Da wirst du wahnsinnig. Ne? Als ich irgendwie … Also in der Zeit, als irgendwie die *(staatliche Versicherungsgesellschaft) unbedingt wollte, dass ich … für arbeits- und berufsunfähig erklärt werde, saß ich zu Hause und bin wahnsinnig geworden.

I 1: Mhm.

B: Und dann nachmittags ist immer irgendeiner vorbeigekommen, um mich irgendwie … der dann mit mir raus ist. Ich konnte ja auch nicht rausgehen zu der Zeit. … Ne? Jetzt hab ich irgendwie gute Kopfhörer und so und dann geht das auch.

I 2: Mhm.

B: Aber, ne?, die sind dann halt gekommen. Tagsüber saß ich zu Hause, und dann hab ich mir ausgerechnet, wie lange ich da jetzt noch sitze, bis ich tot umfalle.

I 2: Mhm. …

I 1: Mhm, ist …

B: Dann kam das halt mit dem Studium. … Und eben die Möglichkeit, zu studieren. Und … das hat halt Sinn gemacht. Es macht halt Sinn, macht auch heute Sinn.

I 2: Mhm.

B: Ich glaube, das ist die Ressource. … So.

I 1: Und die Arbeit ist Ihnen auch sehr wichtig, ne? Dass Sie da …

B: (räuspert sich) Ja.

I 1: Mhm.

B: Klar, also … ich glaube, diese Berufsunfähigkeit, das war so ein Moment, …

I 1: Mhm.

B: … wo ich dachte: Leute, das ist … Ich glaube, im Nachhinein war das auch so ein Mundtot-gemacht-Werden.

I 1: Mhm.

I 2: Mhm, okay.

B: Ne? Das ist so … Das war ja meine Freiheit. Und dann kommt einer und sagt: Wir nehmen Ihnen das.

I 1: Mhm.

B: Und damit wäre klar gewesen, ich hätte nichts anderes tun können.

I 2: Mhm.

B: Und ich glaube, da war irgend so ein Moment irgendwie, in Widerstand zu gehen und zu sagen: Nein. … Nein. Da … Und da hab ich angef… Also darum hab ich sehr gekämpft damals.

I 2: In was für einer Sparte sind Sie denn tätig?

B: Das möchte ich nicht sagen.

I 2: Ach so.

B: Oder wir schalten das Ding kurz aus.

I 1: Wir können es gerne kurz ausschalten. (Unterbrechung)

B: … Einzige, das muss komplett raus.

I 1: Ja.

B: … Mir ging es wirklich darum, ne? Ich hätte auch Postbotin werden können oder …

I 1: Mhm.

B: Das war egal, aber … wenn nichts mehr sinnhaft ist …

I 1: Mhm.

B: … und du hast Flashbacks nachts und …, ne? Das ist ja heute noch so. Ich werde nachts wach und mein Körper liegt verdreht da, in Positionen, die er gelernt hat. Und ich kann die nicht auflösen, weil mein Körper eingefroren ist in dieser Position. Das heißt, ich bin bei Bewusstsein und ich weiß, ich liege in einer Position, die ich von den Tätern gelernt habe einzunehmen.

I 2: Mhm.

B: Und ich habe passende Erinnerungen, Körpererinnerungen. … Da willst du morgens aufstehen und entweder nimmst du Drogen, betrinkst dich oder du machst irgendwas, was Sinn macht.

I 2: Mhm.

B: Und was das ist, war mir, glaube ich, auch … Es war gar nicht so …

I 2: Mhm.

B: Es war so, ja, es passte irgendwie, aber …

I 2: Ja.

B: Es hätte auch alles Mögliche andere sein können. … Nur eben, ne? Raus.

I 2: Ja.

I 1: Mhm.

B: Irgendwie wieder lebendig werden und … heute hilft es mir halt, ne?

I 2: Mhm.

B: Nach so einer Nacht gehe ich halt zur Arbeit, wenn das denn geht, und … dann macht es irgendwie Sinn. Also dann macht es sogar fast Sinn, nachts wachzuwerden und irgendwie damit umgehen zu wollen, …

I 2: Mhm.

B: … wie sich das gerade anfühlt. (Pause)

I 2: Und in Ihrer Therapie, machen Sie da auch solche Fortschritte, dass Ihnen das auch …

B: Ja.

I 2: … dann den Alltag erleichtert, …

B: Ja. ­

I 2: … jetzt mit Ihren jetzigen Therapeutinnen?

B: Also ich hab … Ja. Ich hätte ohne Therapie, … glaube ich, das bis hierhin nicht so hingekriegt.

I 2: Mhm.

B: Deswegen fürchte ich mich halt auch vor dem, wie es weitergeht.

I 2: Mhm.

B: Weil ich eigentlich für mich alltagserhaltend die Therapie brauche. … Muss ich gucken. Aber klar, ich glaube, therapeutische Hilfe ist ein wesentlicher Drehpunkt drin.

I 1: Und haben Sie schon mal versucht, so was weiter zu beantragen jetzt über die Krankenkasse? (B stöhnt) Oder winken die total ab?

B: Die winken ab, ab einem bestimmten Zeitpunkt.

I 1: Weil also das ist jetzt schon ein Punkt, der uns auch wirklich interessiert, weil das … dieser …

B: Das ist wirklich so. Also ich weiß von meiner Therapeutin, dass sie bestimmte Dinge im Antrag nicht benennt.

I 1: Mhm.

B: Weil Gutachter das dann zu absurd finden. Also Programme zum Beispiel werden nicht benannt. Es ist aber nachweislich so, dass Täter …

I 1: Also Ihre Therapeutin arbeitet mit Ihnen daran, aber …

B: … benennt es nicht, …

I 2: Mhm.

B: … weil …

I 1: … benennt das nicht als …

B: … Gutachter das zum Beispiel …, ne? Das finden die ja absurd.

I 1: Das finden …

B: Aber es ist gar nicht absurd. Ein Programm ist ja nichts anderes als ein Training, ein gutes Training. So wie Sie einem (mit zittriger Stimme) Kind beibringen, … an der roten Ampel stehenzubleiben, können Sie …

I 1: Mhm.

B: … einem Kind auch beibringen, auf ein Fingerschnippen hin sich auszuziehen. Das ist nicht schwer.

I 2: Mhm.

B: Oder eine bestimmte Position einzunehmen. Klar, das ist mit viel Gewalt verbunden, das ist mit ständigen Wiederholungen verbunden. Ich hab zum Beispiel gelernt, kein Ich-bezogenes Gefühl zu haben. Wenn mir jemand eine scheuert, hab ich nicht das Gefühl: Das hat mir jetzt wehgetan. Dieser … dieser Impuls ist bei mir komplett unterdrückt worden. Mittlerweile hab ich wieder so … So, mittlerweile kann ich das ein bisschen. Ich weiß, dass ich so einen Impuls haben sollte.

I 2: Mhm.

B: Aber das ist … Das ist ja letztlich kein großes Ding.

I 2: Mhm.

B: Einem Menschen so …, ne? Wenn man Menschen von früh an formt, dann ist das ja kein … Das ist ja kein Zauberwerk, das ist keine Magie, das ist kein … NSA-Zeugs oder so. Das ist … letztlich total simpel. Und wenn dann aber Gutachter sagen: Also nein, ne?, das ist uns jetzt hier aber so ein bisschen …

I 1: Mhm, das ist zu abgedreht.

B: Und das ist nicht abgedreht. Es ist … Es funktioniert im Grunde genommen so einfach und es ist … So. Und nun schreibt sie es halt nicht rein. Für mich ist aber das Problem, ne?, in der Therapie heißt es: Ja, da ist noch so viel. Und ich weiß es ja auch. … Aber ist ja …, ne? Wie soll ich denn bei der Krankenkasse begründen …? Und ich hab … Ich bin ja irgendwann zu meiner Krankenkasse, ne?, und hab gesagt: … Ganz ehrlich, Sie können mich gern im OEG-Verfahren unterstützen, ne? Man bekommt ja von der Krankenkasse die Aufforderung, OEG zu beantragen. In dem Moment …

I 1: Haben Sie die neulich noch mal wiederbekommen oder sprechen Sie jetzt von damals?

B: Nein, ich hab das damals bekommen.

I 1: Ja, mhm.

B: … Diese Aufforderung, weil ja in der Klinik dann auch … PTBS und Ähnliches, ne?, nach … nach kindli… kind… also nach Gewalt in der Kindheit. Wird ja alles schön aufgeführt. Und dann kriegt man von der Krankenkasse das Schreiben.

I 1: Mhm, ich weiß, das macht dann oft wenig Sinn.

B: … Das macht nicht so viel Sinn. Die Krankenkasse hat damals ziemlich viel Druck gemacht. Und ich hatte ja eh diese Idee, den OEG-Antrag zu stellen und hab das Papier dann auch mitgenommen und weiß, auch bei anderen läuft das so. Und als dann irgendwann das schwierig wurde, bin ich auch hin und gesagt: Ganz ehrlich, Sie können mich gern im OEG unterstützen, Sie können auch gern meine Mutter anrufen, ich gebe Ihnen … Hier, rufen Sie die an, schicken Sie der doch die Rechnung, dann machen Sie doch irgendwas. Aber das machen die ja nicht, ne? Die sagen dann halt: Ja, Ihre Kassenstunden sind jetzt leider vorbei. … Und dann? Gehe ich zu dem Richter, der gesagt hat, dass er sich damit nicht befassen wird? Also so, es ist so …

I 1: Ja, das ist diese Struktur. Mhm.

B: … diese … dieses Konstrukt Traumtherapie für … f… Betroffene, das entspricht dem nicht. Das … das schöpft …

I 1: Mhm.

B: … das auch nicht aus. Und das … das ist auch nicht angemessen. Und …, ne? Und dann sehe ich irgendwelche Kampagnen, wo ich denke: Ganz ehrlich, mich kotzen diese Plakate an.

I 1: Mhm.

B: Die kosten tierisch viel Geld und wenn ich dann dahingehe und sage: Hier, ne?, ich … Ja. Aber nun hatten Sie ja auch …, ne?, nun hatten Sie aber hier 200 Stunden, das muss doch jetzt reichen. Wofür reicht das denn?

I 2: Mhm. Aber das ist ja auch noch mal ein guter Punkt.

I 1: Ja.

I 2: Den man noch aufschreiben kann, dass die Krankenkassen …

B: Traumatherapie nach anerkannter Gewalt in der frühen Kindheit. Super. Und es wäre so einfach.

I 2: Mhm.

B: Ne? Es ist so einfach, eine dissoziative Identitätsstruktur oder -störung basiert auf frühkindlicher Gewalt. Das ist nachgewiesen. Das ist weltweit nachgewiesen.

I 2: Mhm.

B: Und das ist … So.

I 1: Mhm.

B: Das heißt, es braucht gar nichts. Oder, ne?, ich meine, keiner denkt sich das aus. Ich hab … Wofür sollte ich mir das alles ausdenken?

I 1: Mhm.

I 2: Nein, aber Sie brauchen die Therapie für sich und auch, um weiter im …

B: Ja, weil es …

I 2: … im Beruf teilnehmen zu können etc. etc. Das ist klar, ne?

B: Ja, aber es ist … Es … es endet, ne?

I 2: Das ist klar. Ich … Ja, ja, ist klar, mhm.

B: Es wird demnächst zu Ende sein und … ich hab nichts, womit ich …, ne? Hätte ich Krebs, kommt ja auch keiner und sagt: Mensch, nun ist aber hier …, ne? Also …

I 2: Ja, ge… genau.

I 1: (flüstert) Stimmt.

B: Sieben Monate, jetzt schalten wir hier aber ab.

I 1: Ja.

B: Ich meine, das ist ein blöder Vergleich, aber es ist irgendwie … Es ist irgendwie so.

I 2: Mhm.

B: Das wird dann halt abgeschaltet. Und das interessiert keinen, ob ich damit nächsten Monat noch arbeitsfähig bin oder nicht. Oder ob ich in einem halben Jahr so instabil bin, dass ich eben nicht mehr arbeiten gehen kann.

I 2: Mhm.

B: Dass ich ins Krankengeld falle, in die Arbeitslosigkeit, meinen Job verliere … Und dann? … Und ich meine, selbst Klinikaufträge laufen ähnlich, ne? Wenn man sich mit diesen Diagnosen, mit dieser Geschichte an eine Traumaklinik wendet, kriegt man eine Ablehnung. Die nehmen mich nicht auf.

I 2: Mhm.

B: Die sagen halt: Na ja, von …, ne? Von … mit Ihrem Hintergrund … schaffen wir zwei bis drei pro Jahr. Warteliste von … Ich hab neulich eine Klinik gehabt, die haben mich nach zwei Jahren angerufen, ob ich immer noch kommen will.

I 1: Zwei bis drei Patientinnen pro Jahr?

B: Ja. Im Zweifelsfall. Und mit meiner Geschichte, die nehmen …

I 1: Mhm.

B: … mich nicht gerne. Das ist für eine Klinik mit …, ne?

I 1: Mhm.

B: Also es gibt in Deutschland …

I 1: Die brauchen den Durchlauf irgendwie, mhm.

B: Die brauchen Durchlauf und es gibt (mit zittriger Stimme) drei oder vier Kliniken in Deutschland überhaupt nur, die Leute mit dissoziativer Identitätsstruktur offiziell aufnehmen. Und ob die dann gut sind oder was für einen Ansatz die verfolgen … Und …, ne? Ich kann aber nicht … Ich kann nicht zwei Jahre auf einen statio… Ich hab eine Krise gehabt vor zwei Jahren, die auf Programm beruhte, auf … auf … Einfach zu viele Flashbacks innerhalb kürzester Zeit gehabt, zu viel …, ne? Ich meine, das mache ich ja alles nebenbei. Da, wo die anderen abends ins Bett gehen und sich ein bisschen ausschlafen, versuche ich halt, mit solchen Sachen klarzukommen. Dann hatte ich eine Krise, hab dekompensiert und hab versucht, eine Station zu finden, die mich kurzfristig aufnimmt. … Klar hätte ich ins *(Krankenhaus) gehen können. Und was machen die? Gucken Sie mal, hier ist ein Zimmer, hier sind paar Tabletten. Wie, was erzählen Sie denn da? Andere In… andere Innenpersönlichkeiten? Ah, weiß ich nicht, müssen wir den Stationsarzt holen. Ne? Und dann bin ich in eine Klinik gegangen, die haben … Ich hab mich nach vier Tagen entlassen. Die haben vier Tage nicht mit mir geredet. Ich hab gesagt: Leute, hört zu, das ist meine Geschichte. Das ist das, was ich einfach brauche. Das hat meine Therapeutin vorher telefonisch mit denen geklärt. Und dann war ich dort und dann haben die mich vier Tage einfach … mir selbst überlassen. Da hab ich die … die … nachts die … die … die Ärztin, die Bereitschaftsärztin holen lassen. Da hat die zu mir gesagt: Na ja, wir lassen auch die Tür ein bisschen auf, ne? Da kommt ein bisschen Licht durch die Tür. Da hab ich gesagt: Entschuldigung, ich hab Flashbacks, ich hab ein Programm laufen, ich brauche gerade … ich brauche gerade Hilfe.

I 2: Mhm.

B: Ja, lassen Sie die Tür auf. Und ansonsten kann ich Ihnen hier ein bisschen Morphium geben gegen die Schmerzen.

I 1: Mhm.

B: Hab ich gedacht … Klar gehe ich dann … Aber wo soll ich denn damit hingehen?

I 1: Ja.

B: Ich gehe damit halt nach Hause. So. Und da hab ich Freunde, wo … Ganz ehrlich, manchmal rufe ich die auch nicht mehr an. Kann die nicht immer anrufen und sagen: …

I 2: Mhm.

B: Hier, kannst du herkommen? Hältst du es noch eine Nacht durch, daneben zu sitzen und nicht viel machen zu können außer vielleicht …, ne?, ab und zu mal den Fernseher umzuschalten …

I 2: Mhm.

B: … oder mir einen Tee zu bringen und ansonsten das anzugucken? Das geht nicht. Also sitze ich alleine zu Hause. Und am nächsten Tag, wenn jemand anruft und sagt: Und? Hab gestern Nacht an dich gedacht, war ja soundsovielte. – Ja, ja, ging schon, war schon okay. – Ja, du hast dich nicht gemeldet. – Ja, ging auch. Dem erzähle ich nicht, dass ich kotzend in der Ecke gesessen hab, weil mein Körper an dem Tag einfach kotzt.

I 2: Mhm.

B: Weil er in den Erinnerungen einfach anfängt zu kotzen. Warum soll ich dem das erzählen? Und er hätte es auch nicht … Ich hätte den auch nicht angerufen. Die halten das alle auch nicht noch mal aus, daneben zu sitzen.

I 2: Mhm.

B: Ne? Und wenn ich dann zu meiner Krankenkasse gehe und sage: So eine professionelle Hilfe an der Stelle wäre super. (Pause) Keine Ahnung.

I 2: Mhm.

I 1: Mhm.

B: Wäre schon cool, wenn es das gäbe. …

I 2: Gibt es irgendwelche Botschaften, die Sie …

B: Na ja …

I 2: … loswerden wollen? Also …

B: (schmunzelt) Die alle.

I 2: Die alle.

I 1: Das ist die Botschaft, ne?

B: Die alle. Ich hab sie damals auch in dieses Formular reingeschrieben. Da hatte ich es auch schriftlich formuliert. Das ist es. Also weil wenn das ernst gemeint ist, finde ich halt an den vier Punkten …

I 2: Mhm.

B: … was zu ändern.

I 1: Also …

I 2: Also nach dem, was ich von Ihnen höre, würde ich ja auch noch denken, dass es auch verdammt wenig … Empathie im Umfeld gegeben hat. … Ich meine, gut, da kann man immer so schlecht … von oben was verordnen. Aber dass da … einfach … also auch Lehrer oder so … Die müssen doch irgendwie eigentlich gemerkt haben …

B: Meine Grundschullehrerin hat bei mir im Haus gewohnt, im 3. Stock. Also zwischen dem 1. und dem 5.

I 2: Ja.

I 1: Mhm.

B: Die hat in der Mitte gewohnt. Wir waren beide Schüler bei ihr, mein Kumpel oben und ich. Und wenn ich ihn hören konnte und er mich, … konnte sie uns beide hören.

I 2: Dann wird sie wahrscheinlich beide hören.

B: Ja.

I 1: War der Kumpel eigentlich auch betroffen von dieser Täterstruktur oder wurde der …

B: Mhm (verneinend), nein, der hatte einfach nur eine überforderte Mutter.

I 1: … einfach auch nur verprügelt.

B: Also schlimm genug, aber …

I 1: Mhm.

B: … der hatte einfach … Dessen Mutter war einfach …

I 2: Mhm.

I 1: Mhm.

B: So.

I 2: Mhm.

B: Aber das ist … Ne? Wenn die Produktionsleiterin sagt: Ah … Ja? Lieber nicht. Aber im ARD-Tatort-Krimi, da gucken wir uns das alle an. Ne?

I 1: Mhm.

B: Mampfen wir Popcorn, wenn irgendeine Vergewaltigung den Abend spannend werden lässt.

I 2: Ja.

B: Wo ich denke: Ja, klar, könnt ihr euch gerne auch angucken, aber … Ich glaube, das ist schwierig. Also klar, ich … Ich denke manchmal auch: Warum hat denn in dieser ganzen Stadt keiner was gesagt, …

I 2: Mhm.

B: … obwohl es alle wussten? … Vielleicht auch, weil es alle wussten oder weil es … Keine Ahnung. Ich war ja auch nicht die Einzige. Ich hab … Auch bei diesen Treffen war ich nicht das einzige Kind.

I 2: Mhm.

B: Also …, ne? Das hat ja andere betroffen auch, die auch alle ein Umfeld hatten. Ich weiß nicht, ob … Ich glaube, das ist so was, wo ich manchmal denke … Ich glaube, wenn … wenn Öffentlichkeit und wenn Gesellschaft und gesellschaftliche Institutionen anders damit umgehen, dann lässt sich auch ga… gesamtgesellschaftlich was daran ändern. Aber solange so was wie OEG-Verfahren, Therapie, Strafrecht damit so umgehen …

I 2: … immer so auf Abwehr

I 1: Mhm.

B: … warum sollte sich dann gesamtgesellschaftlich was ändern?

I 2: Mhm.

B: Und wie viele gehen an diesen tollen Plakaten vorbei und lesen das?

I 2: Mhm.

B: Was ändert das denn?

I 1: Mhm.

B: Nichts. Wenn ich so ein Plakat gestalten würde, würde da was ganz anderes draufstehen und ich würde es auch woanders hinhängen.

I 2: Mhm.

I 1: Was würde denn da draufstehen? …

B: Diese drei Punkte zu ändern.

I 2: Mhm.

B: Und das würde ich dann, ne?, vor jedes Familiengericht hängen.

I 2: Mhm.

B: Und bestenfalls noch für Frauen, Soziales und Kinder. Und so. Weil ich denke, da gehört es hin am Anfang.

I 2: Mhm.

B: Weil letztlich … Und ich weiß, diese OEG-Verfahren sind alle niedergeschlagen worden. Ich hab neun Jahre im OEG-Verfahren verbracht. … Um dann am Ende zu sagen: Ich gebe es auf.

I 1: Krass.

B: Ich kann nicht mehr.

I 1: Krass.

I 2: Mhm, also das …, ne? Das ist uns jetzt hier als Anwältinnen auch tatsächlich … eins der Anliegen, warum wir das auch mitmachen, auf jeden Fall.

B: Ne? Also wo ich denke …

I 2: Die OEG-Verfahren bei häuslicher Gewalt oder sexualisierter Gewalt sind … (Pause)

B: So. Und es gibt kein …, ne?, wo ich manchmal denke: Warum hatte ich eigentlich kein Recht, dass da nach einem Jahr mal ein Richter draufgucken muss? Oder warum geht das, dass ein Richter entscheidet, was davon er behandelt?

I 2: Wurden Sie da eigentlich begutachtet, glaubhaftig begut… -keits begutachtet?

B: Nein, noch nicht. Das hat der mir angekün…

I 2: Gar nichts.

B: Doch, er hat es angekündigt und er hat mir den Gutachter angekündigt. Und das war einer der Gründe, warum …

I 2: Aber nicht im Verwaltungsverfahren, sondern dann bei … erst bei Gericht.

B: (räuspert sich) Ja. Und der hat einen Gutachter angekündigt und der ist bekannt. Und auch das war ein Grund, warum meine Anwältin gesagt hat …

I 2: Wer war denn das? (B schmunzelt) Da kurz ausmachen?

B: Ja. (Unterbrechung) Und es war eine relativ junge Anwältin. Ich war bei einer sehr bekannten Anwältin, die hat aufgehört und hat halt gesagt: Ich übergebe das. Und da hab ich halt …

I 2: Mhm.

B: … gesagt: Na ja, gut, ne? Wenn die der ver… Wird schon gutgehen. Im Nachhinein, denke ich, war ein großer Fehler. Ich hätte zu einer Anwältin gehen müssen, die damit so viel Erfahrung hat, die auch in dem Moment gesagt hätte: Und wir setzen uns gegen den Richter durch.

I 2: Mhm.

B: Und wir machen das, das und das. Und die nicht nur sagt: Oh, ne?, jetzt hat der das und das aufgefahren. Und so. Aber letztlich hätte es eine Beratungsstelle gebraucht, wo ich hätte hingehen können und sagen können: Was kann ich konkret tun? Heute berate ich andere. Und …

I 2: Zum OEG-Verfahren …

B: Na ja …

I 2: … oder so insgesamt, mhm.

B: Hm ich bin halt online relativ aktiv und kriege halt auch schon immer wieder Anfragen, ne? Und wenn dann die sagt: Hör zu, suche dir eine andere Anwältin oder guck da oder …

I 2: Mhm.

B: … mach das … Und wenn du so was … so einen Gutachter zugeteilt kriegst, wo jeder weiß: Das ist ein Gutachterverfahren, da gehst du raus, da kannst du dich hinterher einweisen lassen, der nimmt dich so auseinander …

I 2: Ja.

B: Ne? Das und die Androhung, dass meine Daten nicht geschützt werden.

I 2: Mhm.

B: Dann kann ich mir aussuchen, ob mich der Gutachter auseinandernimmt oder dieser Typ zusammenschlägt. … Das ist es irgendwie nicht wert und gleichzeitig …

I 2: Nein.

B: Ich hätte dieses Scheiß-OEG-Ding gebraucht, ne? Dann hätte ich nächsten Monat nicht so ein Problem.

I 2: Ja.

I 1: Ja.

B: Und ich hätte es auch gebraucht, dass irgendwie … Und nicht nach neun Jahren jemand sagt: … Ne? Alles, was ich hab, ist ein Brief, wo draufsteht: Wir danken Ihnen für die Mitteilung. Wir haben Ihr Verfahren s… ne?, beigelegt. So, wo ich denke: Ja, schön.

I 2: Mhm.

B: Das ist das Ende. So.

I 1: Mhm. …

B: Also finde ich, da muss viel geändert werden. Und das wäre für mich Opferschutz. … Und das wäre für mich auch gesellschaftlicher Umgang damit, damit anders umzugehen. …

I 2: Mhm.

I 1: Mhm. Alles, mhm.

B: Also … Häusliche Gewalt ist noch mal was anderes, aber die haben eine Lobby. Es ist einfach so, die ist auch … Das ist schwierig, genauso schwer, aber da gibt es zumindest eine Lobby für.

I 1: Mhm.

B: Aber das ist ja so ein Teil, da halten sich alle raus. Es müsste eine Möglichkeit geben, auch bei so einem Richter zu sagen: Entschuldigung, nein. Warum darf der das? Wieso darf ein Richter darüber entscheiden, was er behandelt und was nicht? Ich war damals total perplex, dass er das kann. Und er kann das, ne? Es gibt aber keine Aufklärung darüber, ob man irgendwas tun kann. Kann man irgendwo hingehen und sagen: … Herr Richter soundso hat, ne?, meinen Antrag von vor neun Jahren nicht angeguckt und hat gesagt, das und das und das … (Pause)

I 1: Mhm.

B: So, also da finde ich … Oder eben auch bei der Traumatherapie eine Möglichkeit zu haben, ne? Würde ja reichen. Eine Stelle, die sagt: Okay, wir unterstützen im OEG-Verfahren, wir haben hier Diagnosen von Ihrer Krankenkasse, die nachweisen, es handelt sich um so eine Form von sexueller Gewalt oder von … von Gewalt in der frühen Kindheit, wir unterstützen Sie bei Ihrer Krankenkasse, dass Sie eine andere Form von therapeutischer Hilfe bekommen.

I 1: Ja.

B: Und wir begleiten Sie in irgendeiner Form da drin.

I 2: Mhm.

I 1: Ja.

I 2: Einfach die therapeutische Hilfe ohne das Voraussetzen so vieler Bedingungen, an Beweis usw. usf.

B: Ja, oder eben auch ohne die Möglichkeit, die in so einer Form zu enden … enden zu lassen.

I 2: Genau.

B: Ich hätte nicht mal ein Problem damit, wenn jemand überprüfen würde, ob ich a) die Therapie nutze und ob … wo ich stehe, ne? Fände ich gar nicht schlimm.

I 2: Mhm.

B: Das kann ich auch verstehen, dass man das …

I 1: Mhm.

B: … prüft. Aber wo es eben die Möglichkeit gibt zu sagen: Es gibt einen besonderen Umstand und der macht es notwendig, dass es eben auch bis zu dem Moment, wo ich es nicht mehr brauche, eine therapeutische Unterstützung gibt.

I 1: Ja.

B: So.

I 2: Mhm.

B: Und nicht eine Krankenkasse, die sagen kann: Mensch, zwei Jahre, und in zwei Jahren können Sie ja einen Antrag stellen. Und dann, ne?, stelle ich einen Antrag, und dann hab ich noch keine Traumatherapeutin.

I 1: Hatten Sie denn jetzt schon mal so zwei Jahre ohne Therapeut, dann wieder angefangen?

B: Ja, obwohl i… Ich hab das mi… also über zwei Jahre. Ich hab das mit dem Fonds und privat … überbrückt.

I 1: Okay, aber das haben Sie dann abgedeckt, die zwei Jahre.

B: Abgedeckt. Aber jetzt … Und die Therapeutin sagt halt jetzt auch …, auch sie kann da nicht mehr reingeben so, ne? Wenn die Finanzierung ausläuft, …

I 1: Mhm.

B: … ist es vorbei. Und ich hab versucht, andere Therapeutinnen anzurufen, um privat vielleicht irgendwo weiterzumachen. … Wissen Sie, was ich auf dem AB hab? Ich habe aktuell keinen freien Therapieplatz, bitte sprechen Sie mir nicht auf den AB, ich werde Sie auch nicht zurückrufen, wenn Sie mich mit diesem Anliegen kontaktieren. (I 1 schmunzelt) Ja, Sie lachen, aber, ne?, das ruft man an und das ruft man in *(Großstadt 1) nicht auf einem AB …

I 1: Mhm.

B: Das ist auf 15 ABs drauf. Und die Liste von Traumatherapeutinnen, die mit …

I 2: Wahnsinn.

B: … dissoziativer Identität arbeiten, die ist kurz.

I 1: … ist nicht so lang, ja.

B: Die ist total kurz. Und ich hab die alle angerufen.

I 2: Ach so, und die jetzige Therapeutin, die hört …

B: … die hört auf, weil sie einfach …

I 2: Ach so.

B: Die ist … die ist … Also die Ther… Die Kassenfinanzierung läuft jetzt aus, …

I 2: Mhm.

B: … und sie könnte dann natürlich …

I 2: Privat.

B: … privat. Und das hat sie schon mal getan. Und das wird sie nicht mehr tun. Sie kann das nicht mehr. Das verstehe ich ja irgendwie auch.

I 2: Mhm.

B: Und ich kann mir eine Therapie in dem Maße aber auch gar nicht leisten.

I 2: Mhm.

B: Also es ist … kommt viel zusammen, aber letztlich ist klar: Mit der Kassenfinanzierung endet die Zusammenarbeit.

I 2: Mhm.

B: Weil sie … Ich verstehe es auch aus Ihrer Situation. Es ist auch nur … Man macht was und es ist immer diese Anstrengung, …

I 2: Mhm.

B: … dass man weiß, dass es viel höhere Bedarfe gibt, …

I 2: Mhm.

I 1: Mhm.

B: … und kann das irgendwann nicht mehr abdecken.

I 1: Ja.

B: Und wird ja auch, ne?, … Muss komische Gutachten schreiben, wo man sagt: Also so … Und für die war das jetzt einer der Auslöser zu … oder der Auslöser zu sagen, sie hört dann auch auf mit der Kassenfinanzierung. So. Und wenn man dann jemanden anders anruft, weil man denkt: Na ja, ne?, vielleicht schon mal vorsorglich oder … Es gibt in *(Großstadt 1) momentan keine Therapeutin, die das übernimmt.

I 1: (flüstert) Wahnsinn, echt.

B: Und das ist … Und wenn ich bunde… Ich hab sogar bundesweit telefoniert. Die sagen dann: Hey, hören Sie mal zu, Sie können ja nicht von … Sie können ja nicht von *(Großstadt 1) nach *(Großstadt 2) kommen, …

I 2: Mhm.

B: … einmal im Monat. Ich sage: Ja, doch. Ich mache das, wenn Sie mir einen Therapieplatz geben, ich komme einmal im Monat nach *(Großstadt 2), zuverlässig, ich zahle das. – Ja, nein, aber ich mache das nicht. – Ich meine, *(Großstadt 2), ne?

I 1: Mhm.

B: Das sind … Und das ist aussichtslos … im Moment. Selbst wenn, ne?, es … Es gibt keine Kosten, es gibt keine Finanzierung und es gibt auch keine Therapeutin.

I 2: Mhm. …

B: So. … Also …

I 1: Echt frustrierend. …

B: Und es gibt Therapeuten, die einfach auch Angst haben. (Pause) Angst vor Gutachtern und Angst vor Tätern und Angst vor dem Umfeld, dass er halt sagt: Mensch, … überziehst aber ein bisschen, ne? So schlimm kann es ja nicht sein.

I 1: Mhm.

I 2: Mhm. (Pause) (Interviewerinnen atmen tief durch) … Okay. (Pause) Also mir fällt nichts mehr ein (B schmunzelt) gerade, was man noch fragen könnte.

I 1: Unser Fragezettelchen (lacht, B lacht). Ist bei Ihnen noch was, was Sie noch nicht gesagt haben? (Pause)

B: Während wir hier reden, heute ist Freitag, …, ne?, gibt gerade viele kleine Mädchen, die vorbereitet werden aufs Wochenende.

I 1: Mhm.

B: Ist einfach so. … Und nicht nur Mädchen. Also ich kenne auch Frauen. Die sind erwachsen. Die haben jetzt Wochenende. Und für die bedeutet Wochenende was ganz anderes. … Ich kenne eine, da reißt der Typ heute aus *(Großstadt 3) an, für das Wochenende. Und dieses Wochenende mit der ist echt teuer. Und das ist Realität, ne? Also das ist … Das hab ich halt oft auch, also … auch da, wo ich selber sehr aktiv bin, dass ich oft halt denke: Ja, ne?, während …, ne? Das passiert halt weiter, das hört ja nicht auf. Ich erzähle ja immerhin von Sachen, die vorbei sind.

I 2: Mhm.

B: Gibt, glaube ich, einige, aber die werden sich hier auch nicht melden oder die sind halt jetzt vier, fünf, sieben, zwölf. … So.

I 1: Mhm. … Ja, dazu müsste es normaler werden, darüber zu sprechen. Ja.

B: Ja. Und gerade auch darüber. Wie lange hab ich das niemandem erzählt? … Ich hätte das auch keinem erzählt, wenn mir nicht jemand mal gesagt hätte, ne?, man wacht nicht morgens bei seiner Kinderärztin auf. Oder …

I 2: Waren das eigentlich diese F… die Eltern praktisch von Ihrer Freundin, die Ihnen das gesagt haben, dass man … oder … oder Mitschüler? …

B: Nein, das war dann vor *(sechs bis zehn) Jahren tatsächlich erst.

I 1: Ach …

B: Ne? Dass da dann Leute gesagt haben …

I 2: Ach so.

B: Weil bis dahin war ich in einem Umfeld, … da wollte keiner richtig mit umgehen. Also ich hab … Ich hab allerdings auch vor *(sechs bis zehn) Jahren vom Osten in den Westen gewechselt.

I 2: Mhm.

B: Ich weiß nicht, ob das nur damit zu tun hat. Ich glaube, auch. Ich hab aber … Ich hab ab… Ich hab mal mit einer Physiotherapeutin gearbeitet, die kam aus … Ostdeutschland und … die wusste einen Teil von meiner Geschichte, weil es halt schon um … Phy… also Physiotherapie auch, um F… um Folgen davon ging. Und die hat irgendwann gesagt: Weißt du, … du bist ja nett, ich finde dich jetzt auch …, ne?, ich finde dich echt sympathisch und so, aber die Sachen, die du erzählst … Nein, ich kann es mir immer noch nicht vorstellen, ich glaube dir, ne?

I 2: Mhm.

B: Ich glaub… Eigentlich glaube ich es dir nicht. Und die war so alt wie ich. So. Und wo ich dachte: Ja, das ist schon auch ein Problem. Das ist ja auch … Ich glaube, das ist … funktioniert im Westen genauso. Es gibt im Westen so … genauso viele, die sagen: Nein, ne? Aber das war schon für mich der Hammer, dass sie sagt, sie kommt aus der DDR, und für sie geht das nicht zusammen.

I 1: Dass das in der DDR passiert sein soll.

B: Dass das in der DDR passiert sein soll. … So. Und es … Ich glaube, mit diesem Wechsel in den Westen, das war … das war Zufall, ich hatte auch das richtige Umfeld plötzlich, ne?

I 2: Mhm.

B: Da waren plötzlich Leute, die gesagt haben: Alles, was ich von dir mitbekomme, ne?, … Die mit … weiß ich nicht, die damals halt eben diesen Zusammenbruch auch mitbekommen haben und die … gefragt haben: Warum? Warum kann ein Mensch so massiv zusammenbrechen? Und dann gesagt haben: Komm … Und die mitgekriegt haben, wie … Und die das auch nicht normal fanden, dass meine Mutter plötzlich bei mir vor der Tür steht: Ja, wieso …

I 1: Mhm.

B: … ist denn deine Mutter plötzlich da? Und warum siehst du so aus? – Ach, ein bisschen geheult. So, ne? Die dann sagen: Ja, ganz ehrlich, siehst eigentlich aus, als ob dich gerade jemand zusammengeschlagen hat. – Ja, meine Mutter war da. (lacht) Ja, ne? Und die dann gesagt haben: Hey, komm, jetzt … Vorher hätte ich das keinem erzählt. Was hätte ich denn erzählen sollen? Dass ich Mitte 20 bin und immer noch dahinfahre? Dass meine Mutter immer noch kommt? Dass ich irgendwie … mich an Sachen erinnere, an tote Kaninchen, an … Häuser, an … weiß ich nicht, an Aufgehängt-Werden, an … an … an Sachen mit Strom, an …, ne? Dass ich gelernt hab, dass unwertes Leben jemand wie ich ist? …

I 1: Mhm.

B: Ich glaube, dafür braucht es halt echt ein Umfeld, das bereit war, damit überhaupt umzugehen. Und sich das auch …, ne? Die dann nicht gesagt haben: Na …

I 1: Also ich danke …

I 2: Also deswegen haben Sie es so richtig eigentlich erst ausgesprochen, als Sie …

B: Vor *(sechs bis zehn) Jahren.

I 1: Mhm.

I 2: Mhm.

B: Ich bin halt … Ich bin halt dann … Ich bin halt zusammengebrochen und ich hab dann irgendwie ein paar Freunde … Ich hab das später erst erfahren. Die haben in der Zeit … Die müssen über mehrere Wochen … mich bewacht haben. Ich kann mich an die Zeit selber nicht erinnern. Und ich bin dann hier in einem damals … Oder ich bin hier in ein Krankenhaus und hatte dort ein … ein … Der … der hat sich halt … Da gab es halt so ein … Da kannst du dir das anhören, was die da anbieten, und dann kannst du entscheiden, ob du bleibst oder nicht. Und er hat sich das halt alles angehört und … und hat dann mit … Oder ich hab ihm ange… ihn angehört und dann hat der sich halt, ne?, … Dann hat der sich kurz mit mir unterhalten und das … Alle wollten, dass ich dahingehe. Ich hab später erfahren, alle haben darauf gehofft, dass ich in diese Klinik gehe, weil keiner mehr wusste, was er machen sollte mit mir.

I 2: Mhm.

B: Weil ich wohl …, ne? Ich bin dann halt auch nachts losgelaufen, … da waren tausend Programme losgegangen und … ich hab irgendwie … Und dann bin ich halt dahin und dann … Ich weiß gar nicht mehr, was ich dem gesagt hab. Und er halt nur gesagt, ne?: Bleiben Sie hier, geben Sie uns 14 Tage Zeit. Alles, was Sie mir erzählen in den drei Minuten, die wir hier uns unterhalten, hat für mich mit sehr viel Gewalt zu tun. Wenn Sie sich irgendwie an Gewalt erinnern, … auch an Gewalt, von der Sie vielleicht denken, die kann so nicht stattgefunden haben, bleiben Sie hier und reden Sie mit mir, und in 14 Tagen entscheiden wir oder entscheiden Sie, ob das irgendeinen Sinn macht, mit mir darüber zu reden. Und hätte der das nicht gemacht, wäre ich gegangen. Und so hab ich halt gesagt … Und der hat mir halt das Angebot gemacht, das erste Mal. Und hat halt nicht gesagt: Ah, nein, da will ich aber nicht drüber reden. Und dann … Weiß ich nicht, ich glaube, das gibt auch so ein …, ne? Dann ist plötzlich von Trauma die Rede. Das war vorher nie Thema in der Form.

I 2: Mhm.

I 1: Mhm.

B: Von irgendwie verkorkster Kindheit und, ja, dass meine Eltern mich geschlagen haben, darüber hab ich schon immer mal geredet.

I 2: Mhm.

B: Aber das ist jetzt …, ne? Das hat nicht so wahn… Also das hat nicht wirklich erklärt, wer ich bin.

I 2: Ja.

B: Und das hat auch nicht erklärt, warum ich am Wochenende nach Hause fahre.

I 1: Mhm.

B: Das …, ne? Da gab es ja viel Widersprüchliches auch.

I 2: Mhm.

B: Aber in dem Moment wurde das halt klarer.

I 2: Mhm.

B: Und in dem Moment hatte halt auch jemand gesagt: Zeig mir mal die Karte von deiner Mutter zum Geburtstag.

I 2: Mhm.

B: Und er hat gesagt: Kannst du lesen, was da draufsteht? Und ich hab gesagt: Ja, die gratuliert mir halt zum Geburtstag. – Nein, kannst du den Text noch mal lesen? Da steht nicht: Du bist toll, oder so.

I 2: Mhm.

B: Da … da steht eine Aufforderung zum Suizid drauf. Ne? Und dann war klar, warum ich eigentlich mit komischen Postkarten loslaufe, …

I 2: Mhm.

B: … und plötzlich versuche, ne? … Warum Freunde plötzlich damit konfrontiert sind, dass ich hochsuizidal bin.

I 2: Mhm.

I 1: Mhm.

B: Da wurde das halt klarer. Da haben Freunde angefangen zu kontrollieren, da haben Freunde angefangen, das Telefonat mit zuzuhören, wenn ich telefoniert hab oder …, ne?

I 2: Mhm.

B: Dann haben Freunde gesagt: Gib mir mal den Telefon heute Nacht. … Damit ich halt kein Telefon neben mir liegen hatte. Oder haben gesagt: Hier ist Geld, nimm die hundert Euro und gib mir deine Kreditkar… deine EC-Karte. So. Da …, ne? Ab da hatte ich ein Umfeld, was drauf geachtet hat.

I 2: Mhm.

B: Und die das dann aufgedeckt haben nach und nach. Alleine wäre ich da gar nicht so rausgekommen, glaube ich. Weil mir das ja …, ne? Mir ist das ja auch nicht aufgefallen immer.

I 2: Mhm.

B: Aber in dem Moment, wo das Umfeld immer mehr darauf achtet, … wird es halt einfacher oder wird es erst mal offensichtlicher.

I 2: Mhm.

I 1: Mhm. … Mhm. …

B: Aber dafür braucht es halt ein Umfeld.

I 1: Mhm. Und Sie haben als Kind wahrscheinlich auch schon Anzeichen gesendet, aber die wollte keiner sehen. (unterdrücktes Stöhnen von B) Bis auf die offensichtliche Gewalt. Mhm, ne?

B: Also da es ja eh relativ offensichtlich war … Ich weiß, … kurz bevor ich in die Psychiatrie gekommen bin, war ich in einem Krankenhaus, weil ich in der Schule zusammengeklappt war.

I 1: Mhm.

B: Und ich weiß … Ich kann mich an den Arzt erinnern. Ich meine, ich hab 48 Kilo gewogen, ich war 1,70 m groß. Ich war relativ dünn. Und der hat in meiner Schultasche massenweise Tabletten gefunden. Und der wollte, glaube ich, schon auch … Also der war so ein bisschen, glaube ich, auch der Anfang, der mich halt nicht irgendwie, ne?, stabilisiert hat und nach Hause geschickt hat.

I 1: Mhm.

B: Sondern wo das Jugendamt plötzlich kam, wo diese Kinderärztin kam. Und wo es dann hieß: So, von hier direkt in die Psychiatrie. Vielleicht war der sogar eher der, der die Ärztin auch …, ne? Der irgendwie gesagt hat: … Irgendwie …, da stimmt was nicht.

I 2: Mhm.

B: Der als Erster ge… das so ein bisschen überhaupt … angefangen hat, eben da nicht reinzupassen, sondern … der halt das schwierig fand.

I 1: Ja.

B: Wie viel Signal dabei war, ich … Ganz ehrlich, ich glaube nicht, dass ich so viele Signale gesendet hab, …

I 1: Mhm.

B: … weil ich hab ja von Anfang an gelernt, …

I 1: Mhm.

B: … dass es so ist. Ich kannte das ja nicht anders. Ich glaube gar nicht, dass ich so oft versucht habe, jemandem was mitzuteilen, der damit nichts zu tun hatte. Warum auch?

I 1: Mhm. Aber die Sachen, die Sie vorhin meinten … Sie haben oft in der Schule gefehlt

B: Ja, aber das war ja nicht …

I 1: … etc., aber … Und auch dass Sie wussten, das mit Ihrer Mutter … in der Schule aufgetaucht ist etc., war das dann, …

B: Ich …

I 1: … als Sie schon bisschen älter waren eher, als Sie dann auch mal ausbrechen wollten?

B: Pff, ich … Ich … Das war ja kein au… Ich glaube, ich hab irgendwann … Ich glaube, man … man … man hat dadurch als Teenager irgendwann … Selbst bei jemandem wie mir funktioniert Pubertät.

I 1: Mhm. (schmunzelt)

B: Und … Na ja, ne? Und dann gibt es, glaube ich, so Momente, da ist man … da ist man unkontrollierbarer als vorher, weil man halt …, ne? Dann bin ich halt nachts öfter losgerannt. Aber ich bin genauso normal morgens auch wiedergekommen. Ich hab mich ja in der Praxis meiner Kinderärztin morgens … morgens wieder eingefunden.

I 1: Mhm.

B: Auch in dieser Zeit war ich noch so kontrolliert, dass ich ja immer wiederaufgetaucht bin.

I 1: Mhm.

B: Und dieses, dass sie in die Schule gekommen ist … Ich meine, heute fra… weiß …, ne? Wenn ich heute in der Schule stehen würde, da würde eine Mutter auftauchen und würde ihr Kind da am Arm rauszerren und laut brüllend davonschleifen, würde man vermutlich zumindest mal das Jugendamt informieren.

I 2: Wahrscheinlich schon.

B: Vermutlich hoffentlich schon. (I 2 lacht kurz auf) … Das hat ja damals keiner gemacht.

I 2: Mhm.

B: Weil, ganz ehrlich, meine Grundschullehrerin stand ja daneben, und die hat bei uns im Haus gewohnt. Die wu… Letztlich wusste die ja sogar, wo … wo sie mich finden würde.

I 1: Mhm.

B: Aber das waren ja keine Signale. Ich glaube, das ist dann …

I 1: Nein, es waren vielleicht Anzeichen für Gewalt in der Familie.

B: Ja. Und ich glaube, die …

I 2: Ja.

B: … gibt es und die kann man sehen.

I 1: Ja.

B: Ich glaube aber, dass die Kinder selber gar nicht so viele Signale senden. Weil für die ist das ja normal und die …

I 2: Mhm.

B: … lernen relativ …

I 1: Mhm.

B: … früh, dass das normal ist.

I 1: Mhm.

B: Du lernst zum Beispiel relativ früh: Du hast mit Erwachsenen nicht zu reden, wenn du nicht angesprochen wirst. Das ist die totale Sicherheit.

I 1: Mhm.

B: Das ist der Code schlechthin. Solange mich niemand anspricht, werde ich mit dem nicht sprechen, …

I 2: Mhm.

I 1: Mhm.

B: … wenn der erwachsen ist. Das sichert die Täter 100 Prozent. Weil die damit festlegen: Solange mich niemand direkt fragt, …

I 1: Mhm.

B: … werde ich mit niemandem …

I 2: Mhm.

B: … darüber reden. Und selbst wenn mich jemand gefragt hätte, … gab es genug … Trainings, die mir beigebracht haben: Wenn dich jemand fragt, warum hast du denn …, ne? Warum hast du denn, was weiß ich, so komische Sachen an den Armen? … Ja, dann hätte ich wahrscheinlich gesagt, dass ich mit Papa am Wochenende das und das gemacht … irgendwas.

I 2: Mhm.

B: Oder ich hätte mich schlicht und ergreifend nicht erinnern können und hätte gesagt: Ja, weiß ich auch nicht. Und wenn der dann aufhört zu fragen, hab ich ja gelernt: Solange dich niemand anspricht, musst du nicht … oder hast du nicht …

I 1: Mhm.

B: … zu … mit jemandem zu reden.

I 2: Mhm.

B: Von daher hätte ich auch kein Gespräch gesucht. Ich hab ja …, ne?

I 1: Nein, das geht in der Struktur ja, die Sie beschrieben haben, nicht.

B: Das … So. Genau.

I 1: Das ist klar, ja.

B: Und wenn man das einem Kind relativ früh brei…

I 1: Ja.

B: …bringt, …

I 1: Ja.

B: … braucht man ja keine Angst haben, dass das Kind irgendwann mal was dazu sagt. (Pause) Insofern war es ein Glücksfall auch, dass dieser Therapeut im Grunde genommen …

I 1: Mhm.

B: Ne? Der wusste das, glaube ich, nicht mal. Der hat halt aus Versehen ein Loch gefunden. So.

I 1: Und Sie haben sich drauf eingelassen dann in dem Moment. Ja, ja.

B: Ich hab mich drauf eingelassen, ich hatte ein bisschen Glück. Die haben die ersten 14 Tage damit zugebracht, mir einen Namen zu implementieren, auf dem die m… auf den ich reagiere. Das war das Erste, was die gemacht haben. Damit ich ansprechbar bin. So. Und das war halt Glück, einen Therapeuten zu treffen, der halt eine Idee davon hatte, wo er … wo er hin muss. … So. (Pause) Ja. (Pause) Reicht das? (I 1 schmunzelt) Gut. (schmunzelt) (Pause)

I 2: Ja, vielen, vielen Dank.

I 1: Ja, dankeschön, auch dass Sie uns wirklich über … den Aspekt erzählen und das öffentlich machen. Auch wenn das so schwer ist. …

B: Ja. Also … Ja. (schmunzelt)

I 1: Ich glaube, wir machen das Band jetzt aus.

I 2: Mhm.

6 Kommentare zu “Transkript einer Anhörung

  1. Pingback: Transkript einer Anhörung | worttrabant

  2. Danke das du dies hier geteilt hast. Es ist erschreckend zu erkennen wie ähnlich es doch sein kann. Und gleichzeitig ist es schön zu sehen das andere so viel mutiger sind als wir… vielleicht, eines Tages, werden wir auch diesen Mut finden…liebe Grüße

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  3. Habe heute mal weiter bzw zu Ende gelesen, nachdem ich es damals gleich begann und dann erst einmal pausierte… Herzlichen Dank für das Teilen und danke für das Aussprechen der Dinge, über die Ämter, Krankenkasse, die Gesellschaft etc. nachdenken sollten… Mutig, und doch so wichtig, darauf hinzuweisen. Danke.

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