23 km

Gestern auf dem Weg von A nach B zu Freunden, eine längere Fahrt. Zwischenstopp mit Frau Hund, Spaziergang in einer Umgebung, die sich gut anfühlt. Sonnenlicht spielt mit den letzten Blättern an Obstbäumen. Wie schön nach den letzten Tagen. Zurück zur Autobahn. an einer Kreuzung Versuch der Orientierung und da steht es: 23 km bis XXX. XXX – der Ort wo wir_ich geboren wurden. Unerwartet so nah an diesem Ort zu sein löst natürlich zuerst den Impuls aus: blinken, links und hinfahren. Aber wohin eigentlich. Der biologische Vater lebt dort noch, der aber nie wirklich Teil unserer Geschichte war. Ein Halbbruder. Ebenso unbekannt. Aber der Ort ist der, wo alles angefangen hat. Wo wir angefangen haben. Geburtsort. Bei berühmten Persönlichkeiten werden Tafeln an Häusern angebracht, Statuen im Stadtpark aufgestellt. Der Ort hat dann eine Bedeutung. Und für uns? Wie war das wohl? Kindheitserinnerungen kullern wie Glasmurmeln ins Hirn. Die Großmutter, freundliches Lächeln, immer eine Zigarette in der Hand oder auf den Stehaschebecherrand liegend. Der Teddybär, den sie von der Gaderobe hebt, eine Idee ihrer Umarmungen, die sich vermutlich weichwarm geborgen angefühlt haben. Sie ist jene Person die Wärme, Frieden und Wurzelgefühl in uns verankert hat. Die nie erfahren hat, was anderswo passiert ist. Zurück zum Geburtsort. inzwischen wieder auf der Autobahn.  Ein Abstecher unsinnig heute. Denn wohin mit den Straßen, die heute ganz anders aussehen und Häusern, in denen fremde Menschen leben. Wir stellen uns die Mutter vor, damals, dort. schwanger, zum zweiten Mal. Das erste Kind lebt schon nicht bei ihr. sie behauptet viele Jahre, nicht zu wissen, wo diese erste Tochter ist.

Später wird sie immer erzählen, was für ein abweisendes, stilles Kind wir gewesen wären. aber zumindest wussten wir, wohin die Dinge in der Küche gehören, wenn wir am Wochenende bei ihr waren_unter der Woche sind wir im Wochenheim.

Drei Jahre später wird sie heiraten und in eine andere Stadt ziehen. den Mann kannte sie damals noch nicht. oder vielleicht doch? hat er nach einer Frau gesucht, welche ihre Tochter nicht schützen würde? oder war es schon viel früher klar, sind wir hineingeboren in die Mitte der Menschen, die später sadistisch und planvoll unsere Kindheit und Jugend bestimmen? wir wissen es nicht und werden es auch nicht klären können. er ist schon lang tod, sie noch nicht, soviel wir wissen. und all die anderen_vermutlich alt oder auch nicht mehr im Leben.

Weiter auf der Autobahn, ankommen bei Freunden.

Während ich den Beitrag nochmal querlese, fällt es mir auf, ich beschreibe einen Anfang und auch ein Ende, denn heute sitze ich bei Freunden am Küchentisch. Weit entfernt von den Menschen damals. 23 km, das fühlte sich kurz sehr nah dran an der Vergangenheit.

 

 

 

 

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